Der Kölner CSD ist politisch wie nie, denn die Community steht unter Druck. Martin ist einer, der das im Alltag erlebt. Schimpfwörter, Gesten, bespuckt werden. Aber resignieren? Auf keinen Fall.
Erkämpfte Rechte verteidigen und wachsende Queerfeindlichkeit anprangern - diesem Ziel dient der Kölner CSD, einer der größten Europas. Die Parade zum Christopher Street Day umfasst 250 Gruppen mit etwa 60.000 Teilnehmenden. Nach Veranstalter-Angaben kamen insgesamt etwa 1,5 Millionen Menschen. «Nach Einschätzung unserer Demoleitung war die Stadt zur CSD-Demonstration noch nie so voll wie in diesem Jahr», teilte ColognePride mit.
All diese Besucher bringen eine persönliche Geschichte mit. So wie Martin (35) oder «Flirty Flamingo» aus Gießen, ganz in Regenbogenfarben gekleidet und einen aufgeblasenen Flamingo unter dem Arm. «Der Flamingo ist bei mir das Symboltier», erzählt er. Unter Flamingos seien besonders viele gleichgeschlechtliche Paare bekannt. In der Community sage man auch scherzhaft, die normalen Kinder bringe der Storch, die rosa Kinder der Flamingo. «Ich bin eins der rosa Kinder», sagt Martin lächelnd.
«Da schaffen sie es dann, mich einzuschüchtern»
Die CSD-Umzüge sind Martins Sommerurlaub - er will dieses Jahr nicht weniger als 20 besuchen. «Ich kann höchstens in Skiurlaub - von Mai bis September bin ich unterwegs.» Sein Coming-out hatte er mit Anfang 20. «Ich habe meine Eltern angerufen und gesagt: "Ich muss euch etwas sagen." Aber da haben sie gesagt: "Du, wir können uns schon denken, was es ist."» Sein Vater habe nur eine Bitte gehabt: «Wenn du mal einen Mann hast, dann stell ihn bitte zu Hause vor. Bevor ich sterbe, will ich wissen, dass du glücklich bist.»
Solche Eltern wünscht man sich. Aber der Alltag ist nicht immer so einfach. Martin kleidet sich auch außerhalb des CSD in Regenborgenfarben - ein sehr auffälliges Statement also. «Da halten die Autos an, es wird irgendwas gerufen. Schimpfwörter. Gesten. Ich werde bespuckt. Im Zug setzen sich die Leute nicht neben mich. Es gab auch schon Situationen, wo ich dachte, dass es nicht bei Worten bleibt. Da schaffen sie es dann, mich einzuschüchtern.»
Ein anderes Thema: Martin ist katholisch aufgewachsen und noch immer gläubig. «Wir haben bei uns in Gießen jetzt eine queere Gruppe, evangelisch. Wir treffen uns einmal im Monat zu gemeinsamen Aktionen.»
Leider nähmen Vorbehalte und Angriffe aber in letzter Zeit eindeutig zu. «Wenn da gewisse Parteien am rechten Rand sind, die dafür sorgen, dass gewisse Themen wieder salonfähiger werden, dann überlege ich mir nochmal mehr: Kann ich so rumlaufen?», erzählt Martin. «Es gibt da diese Angst, auch bei der jetzigen Bundesregierung: Sind gewisse Rechte, die wir erkämpft haben, sicher oder können die wieder zurückgenommen werden? Ich könnte mir vorstellen, dass es in ein paar Jahren das Transsexuellen-Gesetz nicht mehr gibt, dass die Ehe für alle nicht sicher ist, weil da gerade eine Stimmung geschaffen wird, die das wieder infrage stellt.»
Selbst der hart gesottene Herr Reul macht sich Sorgen
Dies ist ein Gefühl, das von vielen anderen Demonstrationsteilnehmern bestätigt wird. «Der Wind weht rau, und vor allem gegen die queere Community», sagt Dragqueen Meryl Deep.