Bangkoks historische «Snake Farm»: Wo Kobras gemolken werden
Autor: Carola Frentzen, dpa
, Freitag, 06. Februar 2026
Zuschauer halten den Atem an, wenn hochgiftige Kobras in Bangkok gemolken werden. Doch der Nervenkitzel dient einem ernsten Zweck: Die gefährliche Praxis rettet Leben. Was haben Pferde damit zu tun?
Hinter einer dicken Glasscheibe greift ein Schlangenexperte routiniert in eine Kiste und hält Sekunden später mit Hilfe eines Metallhakens eine hochgiftige Monokelkobra in den Händen. Das Toxin dieser in Südostasien heimischen Schlange zerstört das Gewebe und kann für Menschen tödlich sein, wenn ein Biss unbehandelt bleibt. Der Mann trägt einen Gesichtsschutz, geht aber ansonsten mit bloßen Händen zu Werke.
Gekonnt packt der junge Thailänder die etwa eineinhalb Meter lange Giftnatter hinter dem Kopf und führt sie zu einer dünnen Kunststoffmembran, die über einem Glasgefäß angebracht ist. Die rund zwei Dutzend Zuschauer in der historischen «Snake Farm» in Bangkok halten den Atem an. Dann beißt die Schlange zu.
Aus sicherem Abstand verfolgen die Besucher, wie die Fangzähne die Membran durchstoßen und kurz darauf langsam Gift herausfließt - gelblich, trüb und ziemlich zäh. Die Schlangen werden «gemolken», wie der Vorgang im Fachjargon heißt: Der Kopf des Tieres wird dabei direkt hinter dem Schädel fixiert. Beim Biss in die Membran pressen sich die Giftdrüsen, die hinter den Augen liegen, zusammen – und das Gift fließt über die Fangzähne mittels eines Trichters in ein Glas.
10.000 Schlangenbisse pro Jahr
Für schwache Nerven ist diese Arbeit nichts. Aber sie kann viele Leben retten, gerade in Südostasien, wo jährlich Hunderttausende Menschen von Schlangen gebissen werden und Studien zufolge mehr als 15.000 Opfer an den Folgen sterben. Fast 1.000 weiteren müssen jedes Jahr Gliedmaßen amputiert werden.
Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind es in Thailand etwa 10.000 Bisse pro Jahr, besonders in ländlichen Gebieten. Heute sterben im Königreich aber dank der guten Versorgung durchschnittlich weniger als 30 Betroffene.
Ein wichtiger Faktor ist dabei die 1923 eröffnete Schlangenfarm des Queen Saovabha Memorial Institute (QSMI) in Thailands Hauptstadt. Sie ist die zweitälteste Einrichtung dieser Art weltweit, nach dem 1901 eröffneten Instituto Butantan in Brasilien - und spielt seit über 100 Jahren eine zentrale Rolle im Kampf gegen tödliche Schlangenbisse in der Region.
Jeden Vormittag können Interessierte das Schlangen-Melken für ein kleines Entgelt aus nächster Nähe beobachten. Was nach exotischer Schau für Touristen klingt, ist in Wirklichkeit ein medizinisch hochrelevanter Prozess, durch den lebensrettende Antiseren gewonnen werden.