«Auf jeden Fall gehört das Wort Unkraut gestrichen»
Autor: Annett Stein, dpa
, Samstag, 28. März 2026
Sehnsüchtig warten viele auf die Schmetterlinge - doch in ihre Gärten pflanzen sie Hortensien und Forsythien. Vielen Hobbygärtnern dürfte nicht klar sein, wie herzlich wenig das für Insekten bringt.
Bunte Schmetterlinge an den ersten Blüten, Vogelgezwitscher am Morgen und dicke Hummelköniginnen auf Nestsuche: Das typische Frühlingsgefühl entsteht auch durch die kleinen Lebewesen um uns herum. Bei vielen Gärten allerdings bekommt man den Eindruck, die bunten Flatterlinge und Sangeskünstler seien dort unerwünscht: So bunt die Beete wirken mögen, sind sie für Lebewesen doch eine lebensfeindliche Wüste. Gezüchtete Schmuckstauden und exotische Sträucher bieten oft kaum oder gar keine Nahrung für heimische Insekten, wie Bettina de la Chevallerie, Geschäftsführerin der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 (DGG 1822), erklärt.
Wertvolle Futterpflanzen wie Löwenzahn, Klee, Brennnessel und Beifuß würden hingegen als «Unkraut» vernichtet. De la Chevallerie fände es für ein Umdenken hilfreich, sie Wildblumen oder Begleitpflanzen zu nennen. «Auf jeden Fall gehört das Wort Unkraut gestrichen.» Viele Tierarten seien für ihr Überleben auf bestimmte Pflanzen angewiesen - das abwertende Wort Unkraut lasse aber auf verzichtbare, für nichts wichtige Dinge schließen, sagt auch Margarita Hartlieb von der Universität Wien anlässlich des Tages des Unkrauts an diesem Samstag.
Mögen Sie Schmetterlinge?
Schmetterlinge sind nicht plötzlich da, sie schlüpfen aus Puppen: festen Hüllen, in der sich die aus Eiern geschlüpften Raupen in einen Falter verwandeln. Die Puppen von Faltern kleben oft an Pflanzenstängeln. Wer Verblühtes im Herbst direkt entfernt und entsorgt, vernichtet die nächste Frühlingsgeneration. Auch Wildbienen und andere Insekten nutzen verdorrte Pflanzenstängel als Überwinterungsplatz.
Hortensien, Forsythien, Kirschlorbeer und etliche der einjährigen Blumen aus Bau- und Supermärkten haben eines gemein: Sie mögen hübsch aussehen, sind aber ökologisch völlig wertlos, weil sie kaum oder gar keinen Nektar und Pollen bieten. Bei den Massen solcher Blumen und exotischer Sträucher, die in vielen Gärten dominieren, bedeutet das für Insekten ein echtes Hungerproblem.
Wildpflanzen wie Brennnesseln oder Klee wiederum werden in vielen Gärten an jeder Stelle ausgerissen. Falter wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Landkärtchen und Admiral legen ihre Eier aber gezielt an Brennnesseln ab, da die Raupen ausschließlich von deren Blättern leben – ohne das «Unkraut» gäbe es die bunten Falter nicht.
Lauschen Sie gern Vogelgesang?
Viele Menschen geben viel Geld für Winterfutter und schicke Vogelhäuschen aus - weitaus wichtiger ist allerdings Experten zufolge, wie der Garten gestaltet ist: «Wichtig für Singvögel ist, dass er naturnah und insektenfreundlich ist», betont Sophie Lokatis, Natur- und Artenschutzexpertin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Manche Arten seien stetig, zahlreiche andere vor allem bei der Aufzucht der Küken auf Insekten als Nahrung angewiesen.
Akkurat gekürzter Rasen ist nicht naturnah - für viele Menschen aber nach wie vor das Schönheitsideal. Manche porkeln gar einzelne Löwenzahnwurzeln aus der streichholzkurz gestutzten Grasnarbe. Übrig bleibt blütenloses Grün, das kaum Nahrung bietet. «Solche Flächen sind fast tot», sagt Lokatis. Und wo nichts krabbelt, fliegt auch nichts: «Zahl und Vielfalt der Singvögel sind in den vergangenen Jahrzehnten parallel zum Insektenschwund gesunken», sagt Lokatis.
Ist das perfekte Grün dann auch noch - wie es in den letzten Jahren Mode wurde - von einem sogenannten Gittermattenzaun mit eingeflochtenen Plastiklamellen umkränzt, finden Vögel auch kein Plätzchen für den Nestbau. Anders als typische Heckensträucher wie Liguster oder Hainbuche bieten die als pflegeleicht gepriesenen Gebilde zudem weder Beeren noch Insekten als Nahrung. Hinzu kommen Umweltgifte, die aus den Kunststoffen ausgewaschen werden können.