Arzt gesteht Patienten-Morde - «übernehme die Verantwortung»
Autor: Anne Baum und Marion van der Kraats, dpa
, Donnerstag, 25. Juni 2026
Ein Mediziner steht im Verdacht, Dutzende schwer kranke Patienten getötet zu haben. Bislang hat er dazu geschwiegen. Kurz vor Prozessende die überraschende Wende.
Fast ein Jahr nach Beginn eines Mordprozesses gegen einen Palliativarzt in Berlin darf der Mediziner am Morgen erstmals den verglasten Bereich im Landgericht verlassen. Er setzt sich neben seine Verteidiger. Und dann gesteht er 12 der 15 angeklagten Taten und gibt damit die Tötung seiner Patientinnen und Patienten zu.
«Ich bin erst jetzt in der Lage, mein Handeln zu erklären und übernehme die Verantwortung für meine Taten», erklärt der Angeklagte gefasst. «Ich entschuldige mich für das viele Leid, das ich über sie gebracht habe», sagt der 41-Jährige an Angehörige sowie seine Familie und Kollegen gerichtet.
Der Deutsche steht seit Juli 2025 vor dem Landgericht Berlin, weil er im Rahmen seiner Tätigkeit als Palliativarzt im Zeitraum von September 2021 bis Juli 2024 Patienten getötet haben soll. Er wurde Anfang August 2024 verhaftet und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft dem promovierten Mediziner Mord aus Heimtücke und sonstigen niedrigen Beweggründen vor.
Mehr als 200 Zeugen gehört
Mehr als 200 Zeugen und Sachverständige wurden in den zurückliegenden Monaten vor Gericht gehört, der Prozess neigt sich dem Ende zu. Mehrfach war vorher zu hören gewesen, der Angeklagte gebe möglicherweise eine Erklärung ab. Am 54. Verhandlungstag war es dann soweit: Gut 30 Minuten sprach der in Frankfurt am Main geborene 41-Jährige, der verheiratet und Vater eines Jungen ist.
Er äußere sich nicht wegen der «erdrückenden Beweislage», sondern wegen der Auseinandersetzung mit sich selbst in den vergangenen Monaten und den daraus gezogenen Erkenntnissen, erklärte der Angeklagte.
«Leid und Siechtum» ersparen
Vor einigen Wochen waren abgehörte Telefonate abgespielt worden, die der Arzt aus dem Gefängnis heraus mit seiner Ehefrau geführt hatte. In diesen hatte er bereits Tötungen zugegeben - er habe aber nicht gemordet, so der Angeklagte damals zu seiner Frau. Er beschrieb ihr gegenüber sein Vorgehen als ein «moralisches Handeln mit den falschen Mitteln».
Vor Gericht sagte der Arzt, er habe sich eingeredet, das Richtige zu tun und Patienten «Leid und Siechtum» zu ersparen. «Bei allem habe ich gedacht, das sei das Beste für alle», erklärte der Angeklagte. Sämtliche negativen Gefühle habe er nicht zugelassen, sich seiner Überforderung nicht gestellt und eigenmächtig gehandelt.