Antifeminismus in Deutschland - «Müssen jetzt wütend sein»
Autor: Anna Eube, dpa
, Sonntag, 08. März 2026
Ob für Hetero-Beziehungen oder gar die Demokratie: Experten sehen Antifeminismus als Gefahr. Wie verbreitet er ist, was ein männliches Lebensmodell damit zu tun hat und welche Lösungen denkbar sind.
Mädchen hassen, sie wie Dreck behandeln: Darum habe sich seine Sozialisation als acht-, neunjähriger Junge gedreht. Erst die Frauen in seinem Leben hätten ihn von dem «chauvinistischen Schwein» in ihm befreit, erzählte der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis kürzlich in einem Interview. Die Bildung von Jungen und die Haltungen von Männern – beides hat in Deutschland, wo laut Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) 308 Frauen und Mädchen allein im Jahr 2024 getötet und 187.128 Opfer häuslicher Gewalt wurden, fundamentale Bedeutung.
Doch was geht in Männerköpfen vor, welchen Einfluss haben frauenfeindliche Inhalte im Internet auf Teenager-Jungs und wie verbreitet sind antifeministische Überzeugungen in der Gesellschaft?
Einen Eindruck liefert etwa die Leipziger Autoritarismus-Studie der Heinrich-Böll-Stiftung. Bis zu einem Viertel der Deutschen weise antifeministische und sexistische Haltungen auf, heißt es in der Untersuchung von 2024. «Damit haben wir einen ersten Annäherungswert, der mit Vorsicht zu genießen ist», ordnet Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse an der Universität Marburg, ein. Denn einiges, was aktuellen Antifeminismus ausmache, sei nicht abgefragt worden. «Ich würde gern wissen, wie viele Menschen der Vorstellung anhängen, dass es nur zwei Geschlechter gibt und das von der Natur vorgegeben ist. Diese Menschen müsste man dazu rechnen, andere womöglich herausrechnen», sagt sie.
Krise des «Ernährermodells»
Antifeministen lehnen laut Henninger nicht nur das Konzept des sozial konstruierten Geschlechts (Gender) ab, sie glauben auch, dass es Hierarchien zwischen Menschen gibt – und die Rollen von Frauen und Männern natürlich festgelegt sind. Das Gefährliche daran: «Mit diesem Verständnis braucht man keine Geschlechterpolitik und entzieht Debatten über die Verhältnisse der politischen Aushandlung», erklärt die Wissenschaftlerin.
Ein Grund für den Antifeminismus sei die Krise des «Ernährermodells». «Das klassische Normalarbeitsverhältnis, bei dem man nach einer Ausbildung als qualifizierter Facharbeiter lebenslang einen sicheren Job hat und von dem Einkommen seine Familie ernähren kann, ist für viele illusorisch geworden.» Doch noch immer sei genau das die nicht hinterfragte Erwartung an Jungen und Männer.
Daraus ergibt sich laut Henninger erstens eine wichtige Frage: «Welchem Lebensmodell, das positiv Identität stiftet, können Männer zukünftig nachstreben?» Und zweitens ein Unterschied zwischen Männern und Frauen: «Für Frauen haben sich durch das Aufbrechen der Hausfrauenehe die Möglichkeiten vervielfältigt, während das für Männer nicht so zu sein scheint oder nicht so wahrgenommen wird. Sie sehen das eher als Bedrohung.»
Ähnlich beurteilt das der Psychologe und Männerberater Björn Süfke. «Wir leben in einer Übergangszeit von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen hin zu einer hoffentlich geschlechtergerechten Gesellschaft. Männer und gerade Jungen, die in ihrer Identität noch weniger gefestigt sind, stehen zwischen zwei Welten.» Einerseits seien 60 Jahre Gleichberechtigungsbemühungen nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Andererseits «bekommt ein Junge alle 21 Minuten etwas Antifeministisches bei Tiktok oder Instagram reingespült, etwas von Andrew Tate oder AfD-Politiker Maximilian Krah – unabhängig davon, ob er solchen Accounts folgt», erklärt Süfke. Verunsicherung sei da normal.