KI-Ära: Wie unmenschlich sind Dating-Apps?
Autor: Gregor Tholl, dpa
, Donnerstag, 16. April 2026
Tinder und Grindr haben das Dating revolutioniert. Doch die geradezu klischeehafte Präsenz in der Popkultur und vor allem nervige Werbung, Bots und KI werfen Fragen zur Zukunft der Plattformen auf.
Partnersuche als Naturwissenschaft? Ausgerechnet Chemie («Chemistry») nennt Tinder eine neue KI-gestützte Funktion in einigen Ländern gegen sogenannte Dating-Fatigue. Nutzende bekommen täglich «eine kuratierte Empfehlung», statt sich «endlos durch Profile zu liken».
«Wir nutzen KI, um relevantere Verbindungen herzustellen», sagt Spencer Rascoff, CEO der Match Group, zu der Tinder gehört. Auch in der schwulen App Grindr, die einst das GPS-basierte Dating erfand, gibt es mehr Künstliche Intelligenz - aber auch Probleme, die manchem die Partnersuche verleiden.
Bei Tinder werden dank KI-Sprachmodellen Messages erkannt, die eine Grenze überschreiten. Neu ist eine Auto-Blur-Funktion, die potenziell respektlose Inhalte automatisch verschwimmen lässt. Die meist jungen Nutzenden können so entscheiden, ob sie eine Nachricht überhaupt sehen wollen. «Are You Sure?» (Bist du sicher?) erinnert Sendende daran, respektvoll zu bleiben.
Eine repräsentative Bitkom-Umfrage bei Internet-Usern ab 16 ergab, dass 77 Prozent der befragten Frauen und 69 Prozent der Männer es «problematisch» finden, «wenn KI zu sehr in den Bereich von Liebesbeziehungen vordringt».
Dating-Apps sind für viele Menschen wichtig, aber selten Thema
«Dating-Apps, den Raum der Intimität, darf man als gesellschaftliches Feld nicht unterschätzen», sagt der Soziologe Thorsten Peetz über Tinder, Bumble und Co. «Online-Dating machen sehr viele Menschen, auch wenn sie vielleicht nicht darüber reden. Sie erleben dabei Anerkennung und die Erfüllung von Wünschen. Es ist für die Identität vieler Menschen sehr wichtig.»
KI spiele auch in Dating-Apps zunehmend eine Rolle, sagt Peetz, ein Experte für Bewertungsprozesse. «Leute nutzen sie, um Profiltexte zu generieren und um ihre Fotos zu bearbeiten. Außerdem treten neue Formen des Scamming auf. Leute nutzen KI in Form von Bots, besser gesagt: Agents, um sich Vertrauen zu erschleichen, womöglich eine Liebesbeziehung vorzutäuschen. Es geht dann meist darum, die Leute zu überreden, Geld irgendwohin zu überweisen.»
Es sei schwer zu sagen, wie weit das verbreitet sei. «Ich gehe aber davon aus, dass sich viele mit Bots konfrontiert sehen. So liest man auf Tinder bei Frauen öfter mal Sätze wie "Bitte keine Krypto-Bros".» Das sei wohl ein Zeichen, dass sie mit echten Männern schreiben wollten und nicht mit Bots, die es darauf anlegen, die Kommunikation auf andere Plattformen umzulenken.