Justiz bei Cyberangriffen oft machtlos - Selbsthilfe gefragt
Autor: Carsten Hoefer, dpa
, Sonntag, 11. Februar 2024
Cyberattacken sind eine kriminelle Boombranche, die Täter im Ausland müssen keine große Angst vor der Justiz haben. Der Digitalverband mahnt zur Selbsthilfe.
Angesichts der anhaltenden Welle der Cyberkriminalität und häufig machtloser Strafverfolgung setzt die deutsche Wirtschaft zunehmend auf vorbeugenden Selbstschutz. Cyberattacken sind nach Einschätzung des Digitalindustrieverbands Bitkom aktuell eine der größten Bedrohungen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft.
«Eine Entspannung der Bedrohungslage ist derzeit nicht absehbar», sagt Verbandspräsident Ralf Wintergerst. Nicht nur die Politik, auch die Unternehmen selbst seien gefordert. «Das bedeutet, IT-Sicherheit muss mit ganz oben auf die Agenda in den Unternehmen gesetzt und mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden.»
Nach Bitkom-Schätzung haben Diebstahl von IT-Ausrüstung und Daten, digitale und analoge Industriespionage sowie Sabotage im vergangenen Jahr Schäden von insgesamt 206 Milliarden Euro verursacht. Fast drei Viertel dieser Summe - rund 148 Milliarden - gingen demnach auf Cyberangriffe zurück. «Fast zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland haben zuletzt angegeben, dass sie damit rechnen, in den kommenden zwölf Monaten Opfer von Cyberangriffen zu werden», sagt Wintergerst, im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender des Münchner Sicherheitstechnik- und Banknotenherstellers Giesecke + Devrient.
Die tatsächlichen Schäden könnten noch höher sein. «Es gibt auch ein Mehrfach-Dunkelfeld», sagt Martin Kreuzer, der Cyber-Fachmann des Rückversicherers Munich Re. «Nicht nur Täter wollen anonym bleiben, sondern auch viele Opfer. Das macht Strafverfolgung schwierig.»
Kaum Aufklärung bei ausländischen Tätern
Ermittlungsverfahren führen häufig ins Leere, denn sehr viele Täter greifen aus dem Ausland an. Laut dem im Sommer 2023 veröffentlichten «Bundeslagebild Cybercrime» des BKA liegt die Aufklärungsquote bei Auslandstaten im unteren einstelligen Bereich.
Für bessere internationale Kooperation der Strafverfolger plädieren daher sowohl Wintergerst als auch Jörg Asmussen, der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Doch mit Mitteln der Strafverfolgung allein werde sich das Problem nicht lösen lassen, sagt Asmussen. «Stattdessen müssen wir zur Bekämpfung der Cyberkriminalität an mehreren Stellen ansetzen: Die Politik muss die Rahmenbedingungen für mehr Cybersicherheit schaffen, etwa mit Bedrohungsanalysen, konkreten Warnungen und klarer Benennung der Täter.»
Großflächige Angriffe auf Privatpersonen und Unternehmen müssten schnell erkannt und bekannt gemacht werden, idealerweise verbunden mit Hinweisen zur Abwehr des Angriffs. «Zudem muss die Wirtschaft dringend ihr Schutzniveau verbessern», sagt Asmussen. Gerade der deutsche Mittelstand wiegt sich hinsichtlich seiner Cyberrisiken in falscher Sicherheit.»