"Alles was ist, endet", warnt Erda in Richard Wagners "Rheingold", dem Vorabend der "Ring"-Tetralogie. "Ein düstrer Tag dämmert den Göttern." Natürlich schenkt Göttervater Wotan der Urwala keinen Glauben und rennt in sein Verderben. Götterdämmerung ist angesagt. Auch auf Herrenchiemsee, jenem Schloss, das Ludwig II. (1845-1886) mit Versailles als Vorbild nachbauen ließ. Auf die Chiemsee-Insel zu fahren, lohnt sich jetzt besonders. Nicht nur weil das unglaubliche Prunkschlafzimmer frisch renoviert ist. Sondern weil das Haus der Bayerischen Geschichte in den sonst verschlossenen Rohbauräumen im Nordflügel des Schlosses die diesjährige Landesausstellung platziert hat. "Götterdämmerung. König Ludwig II." heißt die imponierende Schau. Und sie ist das Hauptereignis im König-Ludwig-Jahr, denn der Tod des Monarchen jährt sich am 13. Juni zum 125. Mal.

Dass der "Kini", der schon vor seinem immer noch nicht geklärten Sterben im damaligen Würmsee ein Mythos war, auch im 21. Jahrhundert kaum weniger prominent ist als Lady Di, lässt sich schon am pop-artigen Plakatmotiv ablesen. Das stilisierte Ludwig-Porträt zwischen den Zinnen von Neuschwanstein und Fabrikschloten zeigt sinnfällig, dass der sogenannte Märchenkönig zwar auch, aber nicht nur in einer Märchenwelt lebte. Sondern in einer Zeit des Umbruchs, an deren Horizont sich schon das Ende der Monarchie abzeichnen sollte.
Als ob's ein Wagner'sches Musikdrama wäre, werden fünf Akte, fünf Kapitel aufgeschlagen: Wie Ludwig König wurde. Wie er Krieg führen musste und einen Kaiser über sich gesetzt bekam. Wie er seine Gegenwelten schuf. Wie sein Königreich modern wurde. Wie er starb und endgültig zum Mythos wurde.

Wie sehr unser heutiges Ludwig-Bild von einschlägigen Filmen geprägt wurde, ist in der Ausstellung nicht zu übersehen. Auf Monitoren laufen in Endlosschleifen Szenen aus Ludwig-Filmen - unter anderem aus Helmut Käutners "Glanz und Elend eines Königs" aus dem Jahr 1955 mit O. W. Fischer (siehe Abbildung), aus Hans Jürgen Syberbergs "Requiem für einen jungfräulichen König" von 1972 und Luchino Viscontis "Ludwig" von 1973, die beide auch Ludwigs Homosexualität thematisieren. Und, ebenfalls mit Helmut Berger in der Titelrolle, aus "Ludwig 1881", in dem die Brüder Fosco und Donatello Dubini Ludwigs radikales Kunstwollen in den Mittelpunkt stellen, dem laut Katalog die menschliche Natur, etwa die eines Schauspielers oder eines Komponisten, nicht gewachsen ist.

Klar, dass Richard Wagner viel mitwebt und schwebt. Sogar in dem eigens geschaffenen Streifen namens "Effekte, Effekte", für den der Moderator, Kabarettist und Querdenker Christoph Süß gleich mehrfach verantwortlich zeichnet: Von ihm stammt das Drehbuch des satirischen Dialogs "Ludwig - Wagner", und er schlüpft (mit ein paar Abstrichen in puncto Schönheit) auch gleich in die Rolle des Königs. Der zum Beispiel sagt, dass Richard Wagner nicht nur das Leitmotiv erfunden hat, sondern auch die Filmmusik - und als prominentestes Beispiel gleich den Walkürenritt aus Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" losdonnern lässt.

Apropos: Ein originales Walkürenpferd der Bayreuther Festspielinszenierung von 1896 zählt ebenso zu den Exponaten wie eine frühe Nachbildung des Gralskelchs aus der "Parsifal"-Uraufführung, wie Bühnenbildmodelle, Entwürfe, Skizzen, einige hochrangige Gemälde und rare Originalfotografien. Nur das Modell des Festspielhauses in diesem Unterkapitel von Ludwigs Gegenwelten ist leider schlampig gemacht und enttäuschend.

Was verwundert bei dem Aufwand, der hier sonst betrieben wird. Der Einsatz moderner Medien bis hin zu Arbeiten von Filmern der Youtube-Generation beeindruckt. Und die 3D-Simulationen der nicht verwirklichten Träume des Königs lassen so manchen Betrachter nachträglich all jene verfluchen, die für die Entmündigung des Monarchen sorgten, der sich - wohlgemerkt aus seiner Privatschatulle - den Luxus einer baulich-historischen Rückwärtsgewandtheit erlaubte, die gleichwohl auch in die Zukunft wies.

Die Zukunftsmusik Wagners klingt dazu. Auch zum Ende hin, wenn man im Oval eine der letzten Aufnahmen des lebenden Ludwigs sieht und kapiert, wie gern man den Schauspieler Joseph Kainz weggelassen hat, wenn man ins verwunschene Spiegelkabinett tritt und zur "Tristan"-Musik vermittelt bekommt, was es auf sich haben könnte mit dem "Ertrinken, versinken - unbewusst - höchste Lust". Nach der facettenreichen Tour d'horizon ahnt man, dass man noch lange nicht genug weiß von diesem außergewöhnlichen und außergewöhnlich zerrissenen Menschen. Am Ausgang, in der taghellen Ziegelrohbauarchitektur, hat Wagner das letzte Wort. "Alles, was ist, endet. Ein düstrer Tag dämmert den Göttern." Ach, ob das unser König der Schmerzen auch auf sich bezogen hat?

Zur Ausstellung
Ort: Neues Schloss Herrenchiemsee
Öffnungszeiten: bis 16. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr
Zeitplan: Schifffahrt ab/bis Prien-Stock: ca. 20 Min. einfach; Fußweg/Kutschenfahrt zum Neuen Schloss: ca. 20 Min./15 Min.; Führung im Schloss: ca. 25. Min.; Besuch der Landesausstellung: ca. 60 bis 90 Min.
Eintritt: "Inselticket" mit Führung durch die Prunkräume, Besuch von Landesausstellung und Augustiner-Chorherrenstift 9,50 € für Erwachsene, 1 € für Kinder und Jugendliche


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