Ingolstadt
Großbrand

Nach Explosion in Raffinerie bei Ingolstadt: 16 Verletzte, mehr als 100 Häuser beschädigt, Produktion halbiert

Bei einer Explosion in einer Raffinerie in Ingolstadt sind am Wochenende mehr Menschen verletzt worden als zunächst vermutet. Am Montag haben sich weitere Betroffene gemeldet. Der Geschäftsführer äußert sich zur Zukunft der Raffinerie.
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Brandfahnder sollen bald den Ort begutachten können. Symbolfoto: Lino Mirgeler/dpa
Brandfahnder sollen bald den Ort begutachten können. Symbolfoto: Lino Mirgeler/dpa

Durch die Explosion und den Großbrand in der Bayernoil-Raffinerie im oberbayerischen Vohburg an der Donau ist die Produktion des Unternehmens vorläufig etwa halbiert. "Die Vohburger Raffinerie steht still", sagte Geschäftsführer Michael Raue am Dienstag.

Wann dort wieder produziert werden könne, sei nicht absehbar. Am zweiten Standort im niederbayerischen Neustadt an der Donau laufe die Produktion hingehen normal weiter.

Explosionsursache weiter unklar

Trotz der Einschränkungen gibt es laut Raue keinen Grund, einen Teil der knapp 800 Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. "Wir sind mit Aufräumen beschäftigt", sagte er angesichts der großen Schäden am Standort Vohburg. Normalerweise verarbeitet Bayernoil in den beiden Raffinerien pro Jahr mehr als zehn Millionen Tonnen Rohöl.

Bei dem Feuer war ein noch nicht genau festgestellter Schaden im Millionenbereich entstanden, 16 Menschen wurden verletzt. Die Kripo aus Ingolstadt ermittelt derzeit gemeinsam mit einem Experten des Landeskriminalamtes zur Unglücksursache. Die Polizei geht davon aus, dass diese Untersuchung noch erhebliche Zeit brauchen wird.

Massive Schäden auch in der Umgebung der Raffinerie

Bei der Explosion in der Raffinerie sind nach ersten Erkenntnissen mehr als 100 Gebäude in der Umgebung des Unternehmens beschädigt worden. Dies sagte eine Sprecherin von Bayernoil am Montag. Viele der Geschädigten hätten sich bereits per E-Mail gemeldet. Das Unternehmen hat die Anwohner aufgefordert, die Schäden zu dokumentieren und die Reparaturrechnungen bei Bayernoil einzureichen. Durch die Druckwelle waren unter anderem Fenster und Türen eingedrückt worden.

Was ist in Ingolstadt passiert?

Bei der Explosion und dem anschließenden Großbrand auf dem Betriebsgelände in Vohburg an der Donau (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm) waren am Samstagmorgen nach Angaben der Polizei sechzehn Menschen verletzt worden und ein Millionenschaden entstanden. Nachdem die Polizei zunächst von zehn Verletzten berichtet hatte, meldete sie am Montag sechs weitere Verletzte.

Bayernoil hatte schon zuvor mindestens 15 Verletzte registriert. Zumeist handelte es sich um Leichtverletzte, allerdings mussten auch fünf Menschen mit mittelschweren Verletzungen stationär in Kliniken versorgt werden. Zwei Mitarbeiter seien nach wie vor in ärztlicher Behandlung, teilte das Unternehmen am Montag mit.

Die genaue Schadenshöhe ist bislang ebenso unklar wie die Ursache des Unglücks. Nach Angaben des Polizeipräsidiums in Ingolstadt können die Fahnder der Kripo immer noch nicht direkt am Brandort ermitteln, weil sich Glutnester lange gehalten haben und die Stelle nach wie vor sehr heiß sei.

Beteiligte Menschen hatten "Schutzengel"

Der stellvertretende Landrat von Pfaffenhofen an der Ilm, Anton Westner (CSU), zeigte sich erleichtert darüber, dass bei der Explosion kein Mensch getötet wurde. "Es grenzt wie an ein Wunder", sagte er dem BR-Radiosender Bayern 2. "Alle, die sich zum Zeitpunkt der Explosion und später bei den Löscharbeiten aufgehalten haben, hatten viele, viele Schutzengel." Westner hatte wegen des Unglücks am Samstag vorübergehend Katastrophenalarm ausgelöst.

Lange Löscharbeiten

Ein lauter Knall hatte am frühen Samstagmorgen gegen 5.30 Uhr viele Menschen in Ingolstadt geweckt und verunsichert. Mehrere Hundert Rettungskräfte waren den ganzen Samstag über im Einsatz.Die Löscharbeiten dauerten am Sonntagmorgen an, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord. Zwischenzeitlich war Katastrophenalarm ausgerufen worden. Um 16.15 Uhr am Samstag wurde er wieder aufgehoben, teilte das Landratsamt Pfaffenhofen mit.

Feuer bei Ingolstadt: Gaskraftwerk betroffen

Laut Polizei brannte auf dem Raffineriegelände die Flüssiggas- und Flüssigbenzinanlage des Gaskraftwerks. Was das Feuer beziehungsweise die Explosion ausgelöst hat, war auch am Sonntag noch unklar. Die restlichen Stoffe, die sich in den Leitungen befunden hätten, seien kontrolliert abgebrannt worden, sagte ein Polizeisprecher. Erst dann könnten Brandfahnder den Ort des Feuers begutachten. Dann werde auch erst über eine mögliche Unterstützung durch Experten des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) entschieden. Mit Befragungen habe die Kripo aber schon begonnen.

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) besuchte nach am Samstag den Brandort, um mit den Einsatzkräften zu sprechen. Der Minister zeigte sich erleichtert, dass bei der Explosion niemand zu Tode gekommen ist. "Gott sei Dank hat es keine Toten gegeben", sagte er am Samstag. Zugleich dankte er den Rettungskräften für einen "reibungslosen" Einsatz. In kürzester Zeit seien Hunderte von Kräften vor Ort gewesen.

Herrmann lobt "reibungslosen" Einsatz in Vohburg

Wenn man sich die Schwere der Verwüstungen auf dem Firmengelände anschaue, sehe man sofort, dass es auch zu Todesfällen hätte kommen können: "Ganze Hauswände sind umgerissen worden." Auch die Bürogebäude auf dem Gelände wurden erheblich in Mitleidenschaft gezogen, beispielsweise begruben Mauerteile ein Auto unter sich. Gebäudeteile waren umhergeflogen. Nach Herrmanns Worten gab es dabei zehn Verletzte. Die Zahl der Verletzten habe sich im Lauf des Tages noch einmal erhöht, der Großteil sei jedoch nur leicht verletzt. Ein Mitarbeiter, der sich zum Zeitpunkt der Explosion auf dem Firmengelände aufgehalten hatte, wurde demnach schwer verletzt.

Starke Rauchentwicklung - 1800 Menschen aus Irsching und Vohburg evakuiert

Aus Sicherheitsgründen sollten zunächst 2200 Menschen aus Vohburg und Umgebung ihre Wohnungen verlassen. Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme wegen der starken Rauchentwicklung, sagte ein Polizeisprecher. Nach rund drei Stunden löste sich die Rauchwolke teilweise auf. "Die Evakuierung ist abgeschlossen", meldete die Polizei um 10.08 Uhr via Twitter. Weitere Evakuierungsmaßnahmen seien nicht nötig.

Ein Großteil der Betroffenen sei bei Freunden und Bekannten unterkommen. Rund 140 bis 200 Menschen seien in der Turnhalle in Vohburg untergebracht und werden vom BRK betreut. Im Laufe des Nachmittags durften die Menschen wieder zurück in ihre Wohnungen. Das Umweltministerium kündigte eine Prüfung an, ob der Brand und die Löscharbeiten Auswirkungen auf Mensch oder Umwelt haben. Erste Messungen ergaben, dass sich bei den Rauchschwaden keine gesundheitsgefährdenden Stoffe fanden.

Doch nicht nur auf dem Firmengelände, das zum Unternehmen Bayernoil, gehört, kam es zu Schäden - auch in den Wohngebieten wurden durch die Druckwelle Gebäude beschädigt - Fensterscheiben gingen zu Bruch, Ziegel flogen von den Dächern. Jeder könne sich darauf verlassen, dass die Schäden ausgeglichen würden, sagte Herrmann.

Polizei sperrt Gebiet weiträumig ab - Schutz vor Schaulustigen

Die Polizei hatte das rund 130 Hektar große Gelände weiträumig abgesperrt. Damit sollte auch verhindert werden, dass Schaulustige dem Geschehen zu nahe kommen und womöglich in Gefahr geraten. Auch die Bundesstraße 16 nahe des Gaskraftwerks war von der Polizei-Absperrung betroffen - der Verkehr wurde umgeleitet.

Nach Unternehmensangaben ging die Vohburger Raffinerie 1967 in Betrieb. Die Raffinerie bekommt ihr Rohöl über die Transalpine Pipeline (TAL) aus Triest in Italien. In Vohburg wird es dann weiterverarbeitet - etwa zu Benzin, Dieselkraftstoff, Heizöl, Kerosin, Bitumen und Schwefel. In Vohburg und am zweiten Standort Neustadt an der Donau werden 10,3 Millionen Tonnen Rohöl jährlich aufbereitet.

Auf Videos, die Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter im Internet verbreiteten, waren hell lodernde Flammen zu sehen.



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