Bamberg
Leidenschaft

Ein Museum im Wohnzimmer

In einem Trödelladen in Polen sah er es zum ersten Mal. Heute ist seine Wohnung voll damit. Andreas Weihe sammelt seit über 20 Jahren Grammophone.
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Durch Zufall hat Andreas Weihe das Grammophon für sich entdeckt - und ist dann nicht mehr davon losgekommen.Cäcilia Oswald
Durch Zufall hat Andreas Weihe das Grammophon für sich entdeckt - und ist dann nicht mehr davon losgekommen.Cäcilia Oswald
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Andreas Weihe schlendert durch die polnische Stadt Posen. In einem Krempelladen entdeckt er etwas, das er noch nie zuvor gesehen hat. Ein altes Grammophon mit großem Trichter. Mehrere Tage ist er unentschlossen, ob er es kaufen soll oder nicht. Als er am letzten Tag in der Stadt den Laden betritt, ist das Grammophon weg. Eine halbe Stunde zuvor hatte es der Händler verkauft. Er fährt frustriert nach Hause, das Trichtergrammophon geht ihm nicht aus dem Kopf. Deshalb macht er sich auf die Suche nach einem ähnlichen Modell. Das ist über zwanzig Jahre her. Heute stehen über hundert Grammophone in seiner Wohnung.

1887 erfand Emil Berliner das Grammophon. "Für die Leute waren diese ,Sprechmaschinen' eine Sensation", erklärt Weihe. "Plötzlich konnten die Leute Opernstars wie Melba oder Caruso hören, die sie sonst nie hätten erleben können." Die Musik kam von einer runden Schellackplatte, dem Vorläufer der Vinyl-Platte. Auf die ersten Platten konnte nur ein Lied gepresst werden, die Rückseite blieb leer.

Betrieben wurden die "Sprechmaschinen" ohne Strom. Mit einer Kurbel musste ein Federwerk aufgezogen werden, das für die Dauer eines Liedes die Platte in gleichbleibender Geschwindigkeit abspielen konnte. "Was haben wir denn noch in unserer digitalen Welt, das ohne Elektrizität funktioniert?", fragt Weihe. "Du kurbelst, setzt die Nadel auf die Platte und dann kommt Musik raus. Das finde ich bis heute absolut faszinierend." Die letzten Grammophone wurden in den 1950ern produziert. Die Technik entwickelte sich weiter: Schallplattenspieler, Kassette, CD und MP3. "Wir sind heute von Musik überflutet, ob in der Kneipe, im Café oder den Geschäften. Richtig zuhören tut man kaum noch. Das habe ich durch die Grammophone wieder gelernt."

Grammophone bis unter die Decke

Mit den Jahren wuchs Weihes Sammlung und breitete sich in seiner Wohnung aus. Grammophone, Phonographen und Spieldosen aus den Jahren 1870 bis 1950 stapeln sich vom Boden bis unter die Decke. Trichter in allen Formen, Größen und Farben ragen in Weihes Wohnzimmer: kunstvoll geschwungene aus Metall, edle aus Holz, goldpolierte oder blütenförmige. "Briefmarken würden weniger Platz einnehmen", schmunzelt Weihe.

Sein Wohnort kommt der besonderen Sammelleidenschaft gelegen. "Wir haben in Bamberg eine Menge toller Handwerker und Restauratoren", sagt Weihe. "Viele von diesen Grammophonen habe ich quasi als Schrott gekauft. Zusammen mit den vielen Leuten, die helfen konnten, haben wir die wieder hinbekommen." In der Luitpoldstraße 10 befand sich früher ein Musikhaus, in dem die Bamberger Grammophone kaufen konnten.

Damit die Grammophone nicht stumm bleiben, sammelt Weihe auch die passende Musik. Knapp 3000 Platten mit zeitgenössischen Liedern besitzt er. Diese Platten erlauben ihm einen Einblick in deutsche Geschichte und spiegeln die Stimmung der damaligen Gesellschaft.

"Auf den Platten aus der Kaiserzeit ist hauptsächlich Marschmusik und ,Deutschland über alles'. Schon bei dem Stil hört man die Leute in den ersten Weltkrieg hineinmarschieren", sagt Weihe. "Damit war nach dem Krieg Schluss. Die Leute wollten Tanzen und Vergessen. Hauptsache ein guter Rhythmus und der Text reimt sich. Inhaltlich war das meistens totaler Blödsinn. Ende der Zwanziger wurden wieder die ersten Märsche aufgenommen und ein paar Jahre später waren die Nazis an der Macht. Die großartigen Künstler, die die deutsche Musikszene hatte, bekamen Auftrittsverbote oder mussten das Land verlassen. Ein Kahlschlag in der Musik. Ich habe einige Aufnahmen von SS-Kapellen. Die konnten überhaupt nicht singen, nur grölen. Was ein schrecklicher Verfall der Kultur in den 1930er Jahren. Nach 45 ging es dann los mit Rock 'n' Roll."

Die kleinste Platte der Welt

Aus einem Umschlag, so klein wie eine Briefmarke, holt Andreas Weihe die kleinste je hergestellte abspielbare Platte der Welt. Nur knapp über zwei Zentimeter Durchmesser. "Diese Platten wurden für einen Plattenspieler im Puppenhaus der Royal Family hergestellt. Bei einer Kolonialausstellung 1924 in London waren diesen Miniplatten ein beliebtes Souvenir", sagt Weihe. Das Lied auf der Platte: God Save the King.

Am Freitag, 17. Januar, stellt Weihe einige seiner Exponate in der ehemaligen Dominikanerkirche und heutigen Aula der Universität (Dominikanerstraße 2a) aus und lässt einige Schellackplatten erklingen. Seine Expertise zu den Abspielgeräten teilt Andreas Weihe ab 11 Uhr in einem Vortrag. Damit gibt er einen fachlichen Einblick in die Disziplin der Wirtschafts- und Innovationsgeschichte. Die Ausstellung findet im Rahmen der kostenfreien Veranstaltung "Marktplatz der kleinen Fächer" statt. Dort soll zwischen 10 und 15 Uhr die Bandbreite an kleinen Studiengängen der Universität Bamberg für die Öffentlichkeit erlebbar werden.

Andreas Weihe wohnt in seinem eigenen Grammophon-Museum. Wäre er vor 20 Jahren eine halbe Stunde früher gekommen, wäre das vielleicht nie so gekommen. "Meine Theorie ist: Hätte ich dieses Grammophon in dem Trödelladen in Posen bekommen, hätte ich heute nur das eine," sagt Weihe. Zum Glück kam er damals zu spät.

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