Druckartikel: Angeblicher Rewe-Kassenbon-Vergleich: Was steckt hinter dem Preissprung?

Angeblicher Rewe-Kassenbon-Vergleich: Was steckt hinter dem Preissprung?


Autor: Daniela Laitinen

Deutschland, Freitag, 23. Oktober 2026

Ein angeblicher Kassenbon-Vergleich sorgt online für Wirbel um Lebensmittelpreise. Wie glaubwürdig ist der Preisanstieg wirklich? Offizielle Zahlen liefern Antworten.
Zwei Rewe-Kassenbons sollen den Anstieg der Lebensmittelpreise von 2006 bis 2026 zeigen. Allerdings ist das Foto, das in den sozialen Medien kursiert, nicht glaubwürdig.


Ein viel beachteter Vergleich zweier Kassenbons verbreitet sich rasant. In sozialen Netzwerken kursiert ein Foto, das zeigen soll, wie stark Lebensmittel in Deutschland im Preis gestiegen sind. Demnach kostete ein Einkauf bei Rewe im Jahr 2006 angeblich nur 11,90 Euro, während im Jahr 2026 für die gleichen Produkte ganze 34,69 Euro berechnet werden.

Auf den ersten Blick entspricht das einer Preissteigerung von rund 191 Prozent. Die Kosten für den Einkauf hätten sich innerhalb von zwei Jahrzehnten damit nahezu verdreifacht. Entscheidend ist jedoch, wie glaubwürdig dieser Vergleich ist und was die offiziellen Zahlen über die tatsächliche Entwicklung der Lebensmittelpreise aussagen.

Verbraucherzentrale Bayern prüft viralen Kassenbon-Vergleich

Genauer geprüft hat Daniela Krehl, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, die Darstellung auf Anfrage unserer Redaktion. Ihr Urteil fällt kritisch aus.

Die Expertin verweist auf mehrere Unstimmigkeiten, darunter auffällig glatte Gewichtsangaben. So werden sowohl Bananen als auch Hähnchenfleisch mit exakt einem Kilogramm ausgewiesen. Das sei zwar nicht unmöglich, in dieser Kombination aber ungewöhnlich. Außerdem sind Uhrzeit und Kasse bei den beiden Bons identisch. Einen Rewe-Markt sucht man an der angegebenen Adresse zudem vergeblich.

"Das spricht dafür, dass der Bon künstlich zusammengestellt wurde", erklärt Krehl. Als Beleg für die tatsächliche Preisentwicklung sei er deshalb ungeeignet.

Lebensmittelpreise steigen: Rund 30 Prozent mehr als 2021

Fest steht allerdings, dass Lebensmittel in Deutschland erheblich teurer geworden sind. Nach Angaben der Verbraucherzentrale kosten sie im Durchschnitt heute rund 30 Prozent mehr als 2021.

Besonders kräftig zogen die Preise in den Jahren 2022 und 2023 an. Als Ursachen nennt Krehl unter anderem:

  • höhere Kosten für Energie, Dünger und Futtermittel
  • internationale Krisen
  • Arbeitskräftemangel
  • klimabedingte Ernteausfälle

Zusätzlich gibt es versteckte Preiserhöhungen: Bei der sogenannten Shrinkflation verringern Hersteller die Füllmenge einer Verpackung, während der Verkaufspreis unverändert bleibt. Nicht jede Preissteigerung lasse sich allein durch höhere Herstellungskosten erklären, so die Verbraucherzentrale. Deshalb fordert sie eine unabhängige Preisbeobachtungsstelle, die die Entwicklung entlang der gesamten Wertschöpfungskette untersucht – vom Erzeuger bis zum Handel.

Amtliche Daten zur Entwicklung der Lebensmittelpreise seit 2020

Auch das Statistische Bundesamt (Destatis) bestätigt in einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts zur Inflationsrate im September 2026 den deutlichen Preisanstieg. Im September 2026 lag der Verbraucherpreisindex für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke bei 137,2 Punkten. Das entspricht einer Verteuerung um 37,2 Prozent gegenüber dem durchschnittlichen Preisniveau des Jahres 2020. Zuletzt hat sich die Inflation bei Lebensmitteln allerdings deutlich abgeschwächt. Gegenüber September 2025 stiegen die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke nur noch um 0,4 Prozent. Auch interessant: DeutschlandCard vor dem Aus: Millionen Kunden sollten diese Termine kennen

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Produkte wieder so günstig sind wie vor der Inflationswelle. Die hohen Preissteigerungen der vergangenen Jahre wirken weiterhin nach. Für die weitere Entwicklung im laufenden Jahr lohnt zudem ein Blick auf die Inflationsprognosen für 2026.

Die im Facebook-Post behauptete Verteuerung um 191 Prozent lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten. Allerdings reichen die amtlichen Zahlen für die Zeit seit 2020 nicht aus, um die gesamte Entwicklung seit 2006 zu beurteilen. Die Quelle der aktuellen Werte ist

Löhne steigen: Reallöhne gleichen höhere Lebensmittelpreise nur teilweise aus

Neben den Preisen haben sich in den vergangenen 20 Jahren auch die Einkommen verändert. Nach Angaben von Destatis lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst von Vollzeitbeschäftigten 2006 bei rund 2.950 Euro. Für 2025 weist das Bundesamt rund 4.851 Euro aus. Das entspricht einem nominalen Anstieg von etwa 64 Prozent. Wegen statistischer Änderungen sind die Werte allerdings nur eingeschränkt direkt vergleichbar.

Aussagekräftiger für die Kaufkraft ist die Entwicklung der Reallöhne, bei der die allgemeine Inflation berücksichtigt wird. Die amtliche Reallohn-Reihe beginnt im Jahr 2007. Für den Zeitraum von 2007 bis 2025 stiegen die Reallöhne insgesamt um rund 13 Prozent. Der Nominalwert von 2006 dient deshalb nur als Kontext und ist nicht direkt mit dieser Reallohn-Angabe verknüpft.

Der langfristige Anstieg verdeckt jedoch zwischenzeitliche Kaufkraftverluste. Vor allem die hohe Inflation in den Jahren 2022 und 2023 setzte die Einkommen unter Druck. Erst 2024 und 2025 erholten sich die Reallöhne wieder.

Gesunde Ernährung bezahlbar halten

Aus Sicht der Verbraucherzentrale Bayern ist deshalb entscheidend, wie viel Geld den Menschen nach Abzug ihrer notwendigen Ausgaben tatsächlich bleibt. "Wer einen großen Teil des Einkommens für Lebensmittel, Wohnen und Energie ausgeben muss, spürt Preissteigerungen besonders stark", erklärt Krehl. Gerade für Menschen mit geringem Einkommen werde es zunehmend schwieriger, sich abwechslungsreich und ausgewogen zu ernähren.

Die Expertin betont: "Lebensmittel müssen bezahlbar bleiben – eine gesunde Ernährung darf keine Frage des Geldbeutels sein." Auch Preisangaben im Supermarkt sind nicht immer transparent. Ein Beitrag über unklare Preisangaben im Supermarkt zeigt, worauf beim Einkauf zu achten ist.

Auch interessant: Lebensmittel wegwerfen kostet Geld: Diese Fehler machen viele schon beim Einkauf

Monatliche Haushaltskosten für Essen und Trinken im Überblick

Wie stark steigende Lebensmittelpreise den Alltag prägen, lässt sich auch am monatlichen Budget für Essen und Trinken ablesen. Ein aktueller Überblick zu den monatlichen Kosten für Essen und Trinken in deutschen Haushalten 2026 zeigt, welche Ausgaben im Durchschnitt anfallen und wie stark Haushaltsgröße und Einkommen den persönlichen Betrag beeinflussen.

Solche Durchschnittswerte helfen dabei, einen einzelnen Kassenbon besser einzuordnen: Er zeigt konkrete Ausgaben, während Monatswerte den gesamten Lebensmittelhaushalt abbilden. Damit ergänzen die Haushaltskosten die amtlichen Preisindizes, die das allgemeine Preisniveau messen.

Unterm Strich ist der virale Kassenbon-Vergleich somit kein verlässlicher Beleg für eine Verdreifachung der Lebensmittelpreise. Er greift aber ein reales Problem auf: Lebensmittel sind erheblich teurer geworden. Auch wenn die Löhne langfristig gestiegen sind, trifft die Teuerung längst nicht alle Menschen gleichermaßen.

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Der virale Vergleich zweier Kassenbons kommt auf eine Preissteigerung von rund 191 Prozent: 11,90 Euro im Jahr 2006 stehen angeblich 34,69 Euro im Jahr 2026 gegenüber.
  • Die Verbraucherzentrale Bayern hält die Bons für keinen verlässlichen Beleg, da Hinweise auf eine künstliche Zusammenstellung bestehen.
  • Laut Destatis lag der Verbraucherpreisindex für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im September 2026 um 37,2 Prozent über dem Niveau des Jahres 2020.
  • Laut Verbraucherzentrale kosten Lebensmittel im Durchschnitt heute rund 30 Prozent mehr als 2021.

Tipps zum Sparen beim Lebensmitteleinkauf

Mit einigen einfachen Gewohnheiten lassen sich die Ausgaben für Lebensmittel spürbar begrenzen:

  • Grundpreise vergleichen: Der Preis pro Kilogramm oder Liter zeigt, welche Packung tatsächlich günstiger ist, unabhängig von Größe und Verpackung.
  • Saisonales Obst und Gemüse bevorzugen: Saisonware ist in der Regel günstiger, da kürzere Transportwege anfallen.
  • Hülsenfrüchte einplanen: Linsen, Bohnen und Kichererbsen sind eine preiswerte Alternative zu Fleisch und liefern viel Eiweiß und Ballaststoffe.
  • Mit Einkaufsliste einkaufen: Wer mit Liste und ohne Hunger einkauft, vermeidet teure Spontankäufe.
  • Mindesthaltbarkeitsdatum im Blick behalten: Produkte, deren Datum bald abläuft, werden häufig reduziert angeboten und sind oft noch lange genießbar.

Wie viel Geld benötigen Menschen tatsächlich für Lebensmittel und Getränke im Alltag? Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden liefert Zahlen, die zeigen, wie viel private Haushalte durchschnittlich für Nahrungsmittel ausgeben.