Aber: Das starke Interesse an einem Studium ist ungebrochen, obwohl die Arbeitslosigkeit bei Hochschulabsolventen im Jahr 2025 auf einem Höchststand war. Die erneut gestiegenen Studienanfängerzahlen an den Hochschulen passen nicht zu den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft steckt in der Krise – und offensichtlich schützt selbst ein Hochschulstudium nicht mehr vor Arbeitslosigkeit: Die Zahl erwerbsloser Akademiker steigt in Deutschland so stark wie seit 10 Jahren nicht mehr.
Gibt es Verschiebungen bei den Arbeitslosen?
Die Akademikerarbeitslosigkeit ist je nach Disziplin und Studienfach sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Detailanalyse vom November 2025 ergab folgende Arbeitslosenquoten bei Akademikern nach dem Abschluss:
- Naturwissenschaften: 8,3 %
- Mediengestaltung, Werbung und Marketing: 7,5 %
- Geistes- und Gesellschaftswissenschaften: 6,5 %
- Ingenieuren (technischer Vertrieb): 8,4 %
Der Abwärtstrend ist selbst in der IT-Branche zu verzeichnen: 9.600 Software-Entwickler waren im November 2025 ohne Job. Ein Plus von mehr als 30 Prozent in nur einem Jahr. Relativ stabil blieb die Lage dagegen im Bildungswesen und im öffentlichen Dienst. Diese Branchen sind überwiegend aus Steuermitteln finanziert und reagieren deutlich langsamer auf Wirtschaftskrisen.
Als vergleichsweise sichere Jobs für Akademiker erweisen sich Beschäftigungen im Medizin- und im Gesundheitswesen. Die Nachfrage ist demografisch getrieben und weitgehend unabhängig von Konjunkturzyklen. Zwar ist die Akademiker-Arbeitslosenquote mit 2,9 Prozent immer noch halb so groß, wie die allgemeine Arbeitslosenquote 6,1 Prozent. Aber sie steigt, und das überproportional. Es deuten sich Verschiebungen an.
Personalleiter senden eindeutige Signale
Dass es eine neue Risikoverteilung bei den Qualifikationen in der Arbeitswelt gibt, signalisiert auch eine Befragung von 500 Personalleitern. Dabei ging es um die Frage, nach welchen Qualifikationen sie im Sommer 2025 suchten. Die Personalleiterbefragung ist ein gemeinsames Projekt des Ifo-Instituts in München und des Personaldienstleisters Randstadt im hessischen Eschborn.
Bei Neueinstellungen sind die Betriebe sehr vorsichtig. Wenn sie neue Mitarbeitende rekrutieren, sind es am häufigsten Arbeitskräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung. 77 Prozent der Personalleiter gaben für dieses Qualifikationsniveau einen "sehr starken" bzw. "eher starken" Mangel an. Weitere 58 Prozent der Betriebe meldeten eine besondere Knappheit bei Arbeitskräften mit Fachwirt, Meister oder anderem Weiterbildungsabschluss.
Etwas mehr als die Hälfte (51 Prozent) haben gesteigerten Bedarf nach Schulabgängern bzw. Auszubildenden. Erst danach folgen Arbeitskräfte mit (Fach-)Hochschulabschluss (47 Prozent) und Hilfskräfte ohne Berufsausbildung (22 Prozent). Die Zahlen unterstreichen, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt momentan vor allem ein Fachkräftemangel herrscht.
Arbeitgeber-Institut ist Verschiebungen auf der Spur
Lange galt: Ein abgeschlossenes Hochschulstudium schützt am besten vor Arbeitslosigkeit. Die ausgiebige Analyse eines dreiköpfigen Wissenschaftsteams (Alexander Burstedde; Chiara Döring; Dirk Werner) vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zeigte jedoch: Diese Aussage stimmt so nicht mehr.
Ihre neue Botschaft lautet: Bei Fachkräften mit Berufsausbildung ist das Risiko, arbeitslos zu werden, in den letzten zehn Jahren am stärksten gesunken, die Gefahr bei Akademikern dagegen gestiegen. Die IW-Wissenschaftler haben berechnet, wie sich die Arbeitslosenzahlen in den vergangenen zehn Jahren bei Fachkräften mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, bei Hochqualifizierten mit beruflicher Fortbildung oder Hochschulabschluss und bei Helfern ohne Berufsabschluss entwickelt haben.
Das Ergebnis: Trotz der Corona-Pandemie und des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist die Arbeitslosigkeit bei Fachkräften mit Berufsausbildung von 2019 bis 2024 leicht um 3,8 Prozent gesunken, während sie bei Hochqualifizierten um fast 49 Prozent und bei Geringqualifizierten um 43 Prozent gestiegen ist. Die Zahlen zeigen: Fachkräfte mit Berufsausbildung sind gefragt, selbst in Krisenzeiten. Künftig wird es noch stärker an Fachkräften mit Berufsausbildung mangeln, weil viele von ihnen in Rente gehen und zu wenige nachrücken. "Um diese Lücke zu schließen, sollten wir junge Menschen gezielter für eine Berufsausbildung in Mangelberufen begeistern – auch an Gymnasien", erläutert IW-Experte Alexander Burstedde seinen Befund.
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