Druckartikel: Debatte um Praxisgebühr: Kampf der Krankenkassen für Versicherte

Debatte um Praxisgebühr: Kampf der Krankenkassen für Versicherte


Autor: Dominik Jahn

Deutschland, Freitag, 23. Januar 2026

Im Streit um die Praxisgebühr prallen unterschiedliche Meinungen von Krankenkassen, Sozialverbänden und Ärzten aufeinander.
Im Streit um die umstrittene Wiedereinführung der Praxisgebühr äußern Krankenkassen, Sozialverbände und Ärzte unterschiedliche Standpunkte zur finanziellen Belastung der Versicherten.


Unter der Überschrift "Absurditäten in der Gesundheitspolitik" hat der Spitzenverband Bund der Krankenkassen GKV einen Text zu einem Interview des GKV-Vorstandsvorsitzenden Oliver Blatt mit der Funke-Mediengruppe veröffentlicht. Im Interview selbst, ist die Ablehnung gegenüber einer möglichen Praxisgebühr klar zu erkennen. 

Blatt wird dabei sehr deutlich: "Die Menschen sind ohnehin schon unzufrieden über lange Wartezeiten bei Fachärzten, da kann man ihnen nicht auch noch Eintrittsgeld für den Arztbesuch abverlangen."

Praxisgebühr wird das Problem der Kassen nicht lösen

Für die GKV und Blatt müsse es bessere Lösungen gegen die Krise der Krankenkassen geben , "als ihnen wieder in den Geldbeutel zu greifen".  Für ihn liegt das Problem auch nicht bei den Einnahmen der Krankenkassen. Es brauche demnach entscheidende Strukturreformen, die bei den Ausgaben ansetzen.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) der das komplette Interview vorliegt, schreibt dazu, dass sich laut Blatt "die Schere von Ausgaben und Einnahmen öffnet". Man rechnet beim Spitzenverband im Jahr 2026 mit Ausgaben in Höhe von 370 Milliarden Euro - was genug sein müsste, "um eine gute Versorgung zu gewährleisten". ABER: Es ist eben auch mit einee Ausgabensteigerung von 6,5 Prozent auf der einen Seite und einer Einnahmesteigerung von nur vier Prozent im Jahr gerechnet. Und müsste man an den Strukturen ansetzen.

Die Praxisgebühr kann aber nicht Teil der Lösung sein, da diese laut Blatt schon einmal nicht funktioniert hat. 

Sozialverband VdK übt Kritik und nennt anderen Ansatz

Auch beim Sozialverband VdK ist man gegen eine Praxisgebühr. Auf Nachfrage von inFranken.de hat sich VdK-Präsidentin Verena Bentele zu solchen Überlegungen geäußert: "Die Wiedereinführung der Praxisgebühr ist rückwärtsgewandt und keine zeitgemäße Lösung für die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen."

Man hätte bereits in der Vergangenheit Patienten zur Kasse gebeten, sobald es im System eng wurde. Bentele: "Das ist kein neues Konzept, sondern ein alter Hut."

Gleichzeitig haben laut Bentele viele Akteure, "etwa in der Pharmaindustrie und in investorengeführten Medizinischen Versorgungszentren, über Jahre sehr gut am Gesundheitssystem verdient". Bentele: "Es ist höchste Zeit, dass auch sie einen fairen Beitrag zur Konsolidierung des Systems leisten."

Kritik an der Pharmaindustrie

Im Zusammenhang mit erhöhten Kosten der Kassen, hatte Mitte 2025 Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker-Krankenkasse, einen besonders kritischen Blick auf die Pharmaindustrie. Damals wies er darauf hin, dass die Arzneimittelhersteller zu den Gewinnern im System zählen. Es bräuchte demnach "eine Lösung für die steigenden Arzneimittelpreise." Die Frage damals: Kassiert die Pharmaindustrie ab?

Baas: "Kurzfristig müsste die Regierung die Hersteller verpflichten, den gesetzlichen Kassen wieder höhere Rabatte zu geben." In einem Beitrag der ZDF-Sendung WISO erklärte er deutlich: "Wer gut verdient, muss man sagen, ist die Pharmaindustrie. Da muss man unterscheiden zwischen Originalpräparaten und sogenannten Nachahmerpräparaten."

Auf Nachfrage von inFranken.de reagierte der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland (vfa) mit einer klaren Ansage in Richtung der Krankenkassen. Unter anderem hieß es dabei: "Die GKV muss endlich sauber finanziert werden."

Gebühr für Sozialverband "teuer, bürokratisch und schlicht ungerecht"

Und auch beim Sozialverband SoVD kritisiert man immer wieder die Überlegungen zu einer erneuten Gebühr für Versicherte.

SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier erklärte dazu: "Eine schlechte Idee wird nicht dadurch gut, dass man sie nach Jahren wieder aus dem Giftschrank holt. Die Praxisgebühr ist damals aus guten Gründen abgeschafft worden."

Für den SoVD wäre eine solche Maßnahme "teuer, bürokratisch und schlicht ungerecht". Engelmeier betont in einer offiziellen Stellungnahme, worin das Problem liegt: "10 oder 20 Euro schmerzen Menschen mit wenig Geld erheblich mehr, als Vermögende. Die Menschen sind ohnehin schon finanziell extrem stark belastet durch die hohe Inflation, Energiekosten, Mieten und steigende Beiträge."

Kassenärzte-Chef will Versicherte zur Kasse bitten

Einen völlig anderen Ton schlägt dagegen die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) an. KBV-Chef Andreas Gassen forderte zuletzt im Gespräch mit der Bild-Zeitung eine "Kontaktgebühr" für Patienten. 

Gassen: "Sie könnte, wie zum Beispiel in Japan, bei drei oder vier Euro liegen und sollte von den Krankenkassen eingezogen werden." Man könnte damit die Einnahmebasis der Kassen erhöhen, müsste aber die Umsetzung "sozial verträglich gestalten". Gassen hat Ende 2025 bereits mit einer anderen knallharten Forderung für Schlagzeilen gesorgt. Ginge es nach ihm, dann würde er dazu raten, "Homöopathie als Kassenleistung zu streichen". 

Und auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sieht durchaus Vorteile. Der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß sagte ebenfalls gegenüber bild.de, dass Patienten bei Krankenhausaufenthalten statt bisher zehn dann 20 Euro am Tag Zuzahlung übernehmen sollten: "Das ist angemessen. Die Krankenkassen hätten dann zusätzlich 800 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr."

GKV-Chef will anderen Weg gehen für Lösung der Krise der Kassen 

Für den GKV-Vorstandsvorsitzenden Oliver Blatt bleiben die Vorschläge zu einer Praxisgebühr oder Karenztagen ohne Lohnfortzahlungen unterm Strich einfach nicht zielführend. Blatt: "All diese Vorschläge eint, dass sie den Weg des geringsten Widerstands suchen und alle zulasten von Patientinnen und Patienten und Beitragszahlenden gehen."

Geht es nach den Kassen, dann müsste man sich die Ausgaben bei den Krankenhäusern und der ambulanten Versorgung genauer anschauen. Und man könnte bei den Arzneimitteln zu Einsparungen kommen.

Blatt: "Tatsache ist, dass wir bei den Arzneimitteln eine Verdopplung der Ausgaben in zwölf Jahren hatten." Die Krankenkassen fordern bereits seit einiger Zeit eine Senkung der Mehrwertsteuer bei Arzneimitteln von 19 auf 7 Prozent. Hier sieht man ein Sparpotenzial von  bis zu sechs Milliarden Euro im Jahr.