ifo-Präsident Fuest: Schrumpfen der Industrie trifft Franken ins Mark
Autor: Klaus Heimann
Deutschland, Mittwoch, 03. Juni 2026
Der Industrie in ländlichen Regionen geht es schlecht. Den fränkischen Arbeitsmarkt trifft es besonders hart. Der Stellenabbau in der M+E-Industrie scheint unaufhaltsam. Welche Gefahren damit verbunden sind, hat das ifo-Institut analysiert.
Clemens Fuest, Präsident des renommierten Forschungsinstituts ifo in München, schlägt Alarm bei den gut bezahlten Industriearbeitsplätzen in Deutschland. Der Schrumpfungsprozess sei in ländlichen Gebieten besonders problematisch. Dazu gehört nach den Daten des führenden Wirtschaftsforschungsinstituts in Europa auch die Region Franken. Das ifo, das als Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München organisiert ist, sieht im Wegfall vieler Industriearbeitsplätze eine nachhaltige Bedrohung für den Wohlstand in der Region. inFranken.de hat die Überlegungen von Clemens Fuest genauer angeschaut und nachgefragt bei Robert Lehmann. Der Forscher beschäftigt sich mit regionalen und gesamtwirtschaftlichen Fragen und ist ebenfalls beim ifo tätig. Außerdem haben wir bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vwb) nachgehakt.
Warum verlieren die "Hidden Champions" in ländlichen Regionen dramatisch an Bedeutung?
"Wenn die Industrie schrumpft, ohne dass neue, hochproduktive Branchen entstehen, ist der Wohlstand bedroht. Besonders gefährdet sind ländliche Regionen, die auf industriegetriebene Wertschöpfung, Investitionen und gut bezahlte Arbeitsplätze angewiesen sind", sagt ifo-Präsident, Clemens Fuest in München. Und in der Tat: Seit 2022 sinkt die Industrieproduktion kontinuierlich, Investitionen wandern ins Ausland. Kapazitätsauslastung und Auftragseingänge brechen ein, Insolvenzen steigen. "Produktion und Wertschöpfung sinken, es wird nur noch wenig investiert und Arbeitsplätze gehen verloren", analysiert Fuest.
Die Sorgen von Clemens Fuest stützen sich auf die Besonderheit des deutschen Mittelstands ("Hidden Champions"). Anders als in anderen Staaten sei die deutsche Industrie stark regional verteilt. Zahlreiche erfolgreiche Mittelständler und familiengeführte Unternehmen sind zudem in ländlichen Gebieten, wie beispielsweise in Franken verwurzelt und hätten dort für Wohlstand und Stabilität gesorgt. "Verliere diese Basis an Gewicht, drohe nicht nur ein gesamtwirtschaftlicher Rückgang, sondern ein deutlicher Rückfall vieler ländlicher Gebiete mit erheblichen ökonomischen und politischen Folgen", so der Ökonom und Finanzwissenschaftler Fuest.
Wissenschaftler, Robert Lehmann, ebenfalls beim ifo in München tätig, hat die Datenlage zum Rückgang bei den Industriearbeitsplätzen für Bayern und Franken exklusiv für inFranken.de genauer analysiert. Sein Ergebnis: Der deutschlandweite Trend lässt sich für Bayern insgesamt und auch für Franken bestätigen. "Wir beobachten einen ähnlich rückläufigen Industrieanteil an der nominalen Wertschöpfung wie in Deutschland insgesamt."
Warum ist auch die Region Franken ein Sorgenkind?
Weil die Wirtschaft in Franken deutlich stärker am Tropf der Industrie hängt als der bundesweite Durchschnitt, treffen die Warnungen von Clemens Fuest die Region besonders hart. Die Abhängigkeit von der industriellen Wertschöpfung ist deshalb ein hohes Risiko. "Eine De-Industrialisierung im ländlichen Raum ist demnach besonders problematisch", so Lehmann.
Die Bedeutung der Industrie für den Arbeitsmarkt ist in den letzten Jahren deutlich geschrumpft. So sei der Anteil der Industrie an der gesamten Erwerbstätigkeit in Franken von etwas mehr als 25 Prozent im Jahr 2000 auf 21 Prozent im Jahr 2023 zurückgegangen. Konkret bedeutet das einen Verlust von rund 16.000 Arbeitsplätzen von 2022 bis 2025 in allen drei Regierungsbezirken (Ober-, Mittel-, Unterfranken), wie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vwb) auf Anfrage von inFranken.de mitteilte. Bayernweit sind jetzt noch 837.000 Beschäftigte in der M+E-Industrie tätig, davon in Franken 263.000.
Die Folge davon: Während die Zahl der Erwerbstätigen in der fränkischen Industrie seit Mitte der 2000er Jahre "mehr oder weniger stagniere", sei sie in der Gesamtwirtschaft deutlich gestiegen. Besonders problematisch sei, dass Industriearbeitsplätze mit einer geringeren Produktivität überproportional vorhanden seien. Genau diese Tätigkeiten sind aber hochgradig gefährdet.