Gesundheitswesen: Geringe Einsparungen durch Fusion von Krankenkassen
Autor: Nadine Wüste, Agentur dpa
Berlin, Mittwoch, 22. April 2026
Viele fordern weniger Krankenkassen, doch Fachleute sehen darin keinen großen Spareffekt. Die Verwaltungskosten machen laut Experten nur einen kleinen Teil der Ausgaben im deutschen Gesundheitssystem aus.
Immer wieder wird in der Diskussion um die Gesundheitsreform die Forderung nach einer Reduzierung der Krankenkassen laut – doch der Einsparungseffekt eines solchen Schrittes wird nach Ansicht von Fachleuten stark überschätzt.
Im letzten Jahr beliefen sich die Nettoverwaltungsausgaben der Krankenkassen auf 13,3 Milliarden Euro, was lediglich etwa vier Prozent der Gesamtausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung ausmachte, erklärte die Gesundheitswissenschaftlerin Verena Vogt vom Universitätsklinikum Jena der Deutschen Presse-Agentur.
93 gesetzliche Krankenkassen: "Nicht der Kostentreiber im Gesundheitswesen"
"Die Vielzahl der Krankenkassen ist nicht der Kostentreiber im Gesundheitswesen." Derzeit gibt es in Deutschland 93 gesetzliche Krankenkassen. Vogt forscht zur Gesundheitsversorgung und ist Mitglied der Expertenkommission, die dem Bundesgesundheitsministerium kürzlich 66 Vorschläge zur Einsparung im Gesundheitswesen vorgelegt hat, um die Kassenbeiträge stabil zu halten.
Die Verwaltungsausgaben der Kassen sind im vergangenen Jahrzehnt jährlich durchschnittlich um 2,5 Prozent gestiegen, die Leistungsausgaben jedoch um 5,2 Prozent, erläuterte sie. Die Kassen hätten zudem wenig Spielraum für Einsparungen, da der Großteil der von ihnen zu finanzierenden Leistungen gesetzlich vorgeschrieben sei.
Das Expertengremium hatte für die Kassen eine Reduzierung der Ausgaben für Werbemaßnahmen auf 2,80 Euro pro Mitglied vorgeschlagen, was laut Vogt jährliche Einsparungen von rund 70 Millionen Euro bringen würde. In den von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in der vergangenen Woche vorgelegten Kernpunkten eines Sparpakets wurde dieser Vorschlag aufgegriffen.
Von einst 420 Kassen auf 93: Anzahl nimmt seit Jahren ab
In Deutschland nimmt die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen seit Jahren ab. Zur Jahrtausendwende gab es laut Vogt noch 420 Kassen. Nach mehreren Fusionen konzentrieren sich inzwischen bei den 20 größten Kassen 84 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten. Dabei seien die Kassen durch die Digitalisierung auch effizienter geworden. 2024 betreute ein Mitarbeiter durchschnittlich 563 Versicherte, 20 Jahre zuvor waren es noch 487 Versicherte.
Die Forscherin gab zu bedenken, dass eine drastische Reduzierung der Kassenzahl nicht zwangsläufig zu weniger Verwaltungskosten führen muss. Sie verwies auf Österreich. Dort habe die Zusammenlegung mehrerer Kassen zu einer Gebietskrankenkasse zwischen 2020 und 2024 zu einer 25-prozentigen Steigerung der Verwaltungsausgaben geführt, während die Gesamtausgaben im deutschen Gesundheitswesen in diesem Zeitraum nur um sieben Prozent gestiegen seien.