• Komplexes Zusammenspiel von Darmflora und menschlicher Psyche
  • Wissenschaft untersucht Zusammenhänge
  • Bakterienkur könnte depressive Störungen lindern
  • Erste Untersuchungen laufen bereits
  • Ernährung kann positiven Effekt auf Darm und Psyche haben

Depressionen zählen zu den häufigsten Krankheiten in Deutschland. Konkrete Ursachen sind häufig schwer auszumachen. Auch die medikamentöse Behandlung und Therapien gestalten sich oft schwierig, in einigen Fällen kann Vitamin B helfen.  

Welchen Einfluss hat der Darm auf die Psyche?

In den vergangenen Jahren rückte zunehmend das Zusammenspiel des Darms und der menschlichen Psyche in den Fokus der Forschungen. Im Darm leben eine Vielzahl von Bakterien und Mikroben, die zusammengefasst als Mikrobiom bezeichnet werden. Gerät dieses Biom einmal in Schieflage, drohen unter anderem Verdauungsprobleme -einige Lebensmittel können dem allerdings entgegenwirken. Doch auch die menschliche Psyche leidet unter einer solchen Schieflage, wie Studien aus den letzten Jahren zeigen. 

In einer breit angelegten Studie aus Belgien, die in der Fachzeitschrift "Nature Microbiology" veröffentlicht wurde, untersuchten Forscher im Jahr 2019 den Zusammenhang von Mikrobiomen und psychischer Gesundheit und kamen dabei zu einem interessanten Ergebnis. "Die Wissenschaftler stellten fest, dass Bakterienarten der Gattungen Coporooccus und Dialister bei Personen mit Depressionen vermindert im Stuhl nachgewiesen wurden", berichtete der Bayerische Rundfunk damals. Die Gattungen Coprococcus und Dialister werden vom menschlichen Körper benötigt, um beispielsweise das Glückshormon Dopamin zu produzieren. Auch die Einnahme von Antidepressiva veränderte das Ergebnis nicht. 

Unklar blieb allerdings, ob das Fehlen dieser beiden Bakterienarten zu einer Depression führt oder ob umgekehrt eine Depression das Mikrobiom beeinflusst. "Wenn das Fehlen von bestimmten Bakterien tatsächlich das Entstehen von Depressionen beeinflusst, dann könnte das neue Therapieansätze mit Probiotika eröffnen", schreibt das ORF

Neue Studie: Darmflora bei Depressiven in Schieflage

Im vergangenen Jahr knüpfte eine Studie an die Befunde von 2019 an. Ein Forscherteam um Wissenschaftler Shaohua Hu von der Zhejang Universität in China untersuchte konkret die Wechselwirkungen von Mikrobiom im Darm und Depressionen. Dabei interessierten sich die Wissenschaftler vor allem für das Auftreten bestimmter Bakterienarten und Bakteriophagen. 

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Bei Patienten mit Depressionen fiel den Forschern auf, dass sich das allgemeine Gleichgewicht des Darm-Ökosystems in Schieflage geraten war: "Genauer gesagt das Miteinander von Bakteriophagen - das sind Viren, Bakterien und deren Stoffwechselprodukte. Das zeigt einmal mehr, dass die mentale Gesundheit und die des Darms zusammenhängen", zitiert Deutschlandfunk Shaohua Hu, den Autor der Studie. Die Ergebnisse wurden am 2. Dezember 2020 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht. 

Gegenstand der Untersuchungen waren außerdem die Stoffwechselprodukte bestimmter Bakterien, die in unterschiedlicher Häufigkeit auftauchten. Einige dieser Produkte kamen bei Patienten häufiger, andere jedoch wesentlich seltener vor. Ob diese Stoffwechselprodukte einen Einfluss auf die Entstehung von Depressionen oder depressiver Störungen haben, ist noch unklar. 

Therapie durch Bakterienkur? - Weitere Untersuchungen nötig

Wie genau das Zusammenspiel aller Darmbewohner untereinander funktioniert, ist noch nicht vollständig erforscht. "Wir versuchen nun, mehr über die Mechanismen herauszufinden. Ein paar Hinweise gibt es aus unseren Untersuchungen", wird Mireia Valles-Colomer, die an der belgischen Studie von 2019 beteiligt war, zitiert. Von großer Relevanz ist dabei die Erkenntnis, dass Bakterien und Stoffwechselprodukte unter anderem erreichen können, dass Zellen in der Darmwand Stoffe freisetzen, die das Nervensystem beeinflussen. Umgekehrt können diese Nervenzellen jedoch auch auf die Darmbakterien einwirken. 

Von besonderem Interesse sind außerdem Beobachtungen, die Forschende mit Mäusen machten. Einigen keimfreien Tieren wurden die Darmbakterien gestresster Artgenossen eingepflanzt. Die Forscher beobachteten bei den Mäusen anschließend Verhaltensveränderungen und typische Symptome mentaler Verstimmungen. Daher liegt der Verdacht nahe, dass die Bakterien Depressionen beeinflussen - und nicht umgekehrt. 

"Wir versuchen nun, Therapien zu entwickeln, in denen wir Bakterien einsetzen", erklärt Valles-Colomer. Die Idee ist, depressive Patienten mit den Bakterien zu behandeln, die sie im Gegensatz zu gesunden Menschen seltener haben. Die ersten Versuche dazu laufen bereits. 

Ernährung kann positiven Effekt auf Darm und Psyche haben

Das Wissen, dass die Darmflora auch die Psyche beeinflusst, bringt weitere Ideen zur Verbesserung der Psyche ins Spiel. "Wenn wir die Darmflora wieder normalisieren, dann könnte es dazu beitragen, dass die Symptome einer Depression sich deutlich schneller wieder bessern", erklärt Psychiaterin Kamila Jauch-Chara dem SWR. Denkbar seien Versuche mit probiotischem Joghurt, welcher Bakterienstämme enthält, die auch im Darm vorkommen. 

Joghurt allein ist jedoch nicht das einzige Lebensmittel, welches positiven Einfluss auf den Darm haben kann: Auch Vollkornbrot und generell ballaststoffreiche Lebensmittel können der Darmflora helfen. Je nach Ernährung verändert sich auch die Bakterienzusammensetzung im Darm. Jedoch zeigt nur eine langfristige Umstellung wirklich Effekte: "Wenn man es ernst meint mit einer solchen Umstellung, dann ist das was, was Monate, Jahre durchgeführt werden muss, um positive Effekte zu erzielen", erklärt Diabetologe und Entzündungsforscher Matthias Laudes dem SWR

Wichtig ist jedoch, dass eine Ernährungsumstellung allein nicht ausreicht, um eine Depression zu therapieren. "Ich würde mit Joghurt nie im Leben Medikamente oder Psychotherapie ersetzen wollen. Aber es ist für mich eine zusätzliche Maßnahme. Und ich glaube, hier ist sehr viel Platz nach oben", meint Jauch-Chara.

 

Hinweis der Redaktion: Wenn Sie Hilfe suchen oder Informationen zu Depressionen brauchen, können Sie sich an die Deutsche Depressionshilfe wenden. Das kostenfreie Info-Telefon (0800/3344533) ist Montag, Dienstag und Donnerstag von 13 bis 17 Uhr und Mittwoch und Freitag von 8.30 bis 12.30 Uhr besetzt. Zudem bietet die Deutsche Depressionshilfe einen Selbsttest an, um eine mögliche Depression zu erkennen. Darüber hinaus ist die Telefonseelsorge 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr unter der kostenlosen Hotline 0800/1110111 oder 0800/1110222 erreichbar. 

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