Würzburger Verein "Medizinische Hilfe für Tschernobylkinder" beendet Tätigkeit - nach 28 Jahren
Autor: Redaktion
Würzburg, Freitag, 02. August 2024
Im Laufe der letzten 28 Jahre seit seiner Gründung konnte der Verein "Medizinische Hilfe für Tschernobylkinder" erfolgreich viele an Schilddrüsenkrebs erkrankte Kinder behandeln. Zum Anlass seiner Auflösung blickt der Verein auf seine Erfolge zurück.
Auf Initiative des Nuklearmediziners Prof. Dr. Christoph Reiners wurde im Mai 1996 am Uniklinikum Würzburg (UKW) der gemeinnützige Verein „Medizinische Hilfe für Tschernobylkinder“ gegründet, wie das UKW in einer Pressemitteilung berichtet. Dessen Ziel war es, in Folge der Nuklearkatastrophe von 1986 an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kindern eine möglichst gute Therapie und Nachsorge zu bieten. Anfang Mai dieses Jahres löste sich der Verein auf.
Als Begründung für diesen Schritt führt Reiners, Vereinsvorstandsvorsitzender und bis 2010 Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin des UKW, an: „Zum einen konnte mit unserer Unterstützung in Belarus – früher als Weißrussland bezeichnet – eine adäquate lebenslange Nachsorge der mittlerweile erwachsenen Patientinnen und Patienten aufgebaut werden, so dass ausländische Hilfe nicht mehr zwingend erforderlich ist. Zum anderen haben wir in den letzten Jahren durch Tod oder politisch motivierte Auswanderung viele unserer jahrelangen Kooperationspartnerinnen und -partner in der belarussischen Hauptstadt Minsk verloren.“ Das Vereinsende ist Anlass, auf die Hintergründe, Maßnahmen und Ergebnisse des grenzüberschreitenden Hilfsangebots zurückzublicken.
Gehäuftes Auftreten von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen
Bei der Atomreaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl wurden große Mengen an radioaktivem Jod freigesetzt, die vorwiegend mit dem Wind nach Belarus verbracht wurden. Aufgenommen über die Atemwege und die Nahrung, reicherte es sich bei den Menschen in der Schilddrüse an. Bei Kindern ist das Organ deutlich strahlenempfindlicher als bei Erwachsenen.
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Deshalb kam es in den Folgejahren des Unglücks in Belarus zu einem gehäuften Auftreten von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen in den benachbarten Regionen des grenznahen Tschernobyl. Zwischen 1986 und 2000 erkrankten über 1.000 Kinder und Jugendliche an Schilddrüsenkarzinom. Neben dem Befall der Hormondrüse selbst besteht bei Kindern zudem ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung von Fernmetastasen in der Lunge.
Bedingt durch den mittlerweile stattgefundenen radioaktiven Zerfall des bei dem Unglück 1986 ausgebrachten strahlenden Jods sind heutige Kinder vollkommen unbetroffen. „Nur die Menschen, die damals Kinder waren und deren Schilddrüsen das radioaktive Jod aufgenommen haben, leben mit einem – mit dem Alter abnehmenden – erhöhten Risiko, auch als Erwachsene noch an Schilddrüsenkrebs zu erkranken“, verdeutlicht Reiners.
Therapieweg und Nachsorgeaufwand
Zur optimalen Behandlung der Krebserkrankung muss die Schilddrüse komplett operativ entfernt werden. Häufig schließt sich eine Radiojodtherapie an, um eventuelle verbleibende Schilddrüsenzellen oder Metastasen zu zerstören. Einen besonderen Stellenwert hat nach den Worten von Prof. Reiners zudem die lebenslange hormonelle Nachsorge.
Da die Schilddrüse Thyroxin produziert, müssen Patientinnen und Patienten, denen die Schilddrüse entfernt wurde, dieses Hormon dauerhaft in Tablettenform einnehmen. Um die richtige Dosis zu ermitteln und im Verlauf anzupassen, sind regelmäßige Blutuntersuchungen notwendig. „Die hormonellen Veränderungen der Pubertät erfordern eine besonders intensive Kontrolle und Nachjustierung“, unterstreicht der Nuklearmediziner.