Eigentlich will Bürgermeisterin Sabine Lutz am liebsten gar nichts mehr dazu sagen. Sie hat das Thema satt. Und dann redet sie doch. Davon, dass die goldenen Zeiten bereits viele Jahre vorbei sind und nicht erst jetzt. Davon, dass die Bürger in den vergangenen Jahren ein bisschen entwöhnt werden mussten. Und davon, dass ihr kleiner Ort bitteschön mehr ist als die zwei weithin sichtbaren Kühltürme des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld. Noch dampfen daraus weiße Schwaden himmelwärts, doch diesen Juni ist damit Schluss. Das älteste noch betriebene Kernkraftwerk Deutschlands geht vom Netz.

Technisch mag das Kernkraftwerk immer noch auf dem aktuellen Stand sein, wie Betreiber Eon immer wieder betont. Doch wer vor den Toren der Anlage steht, der sieht, dass der Zahn der Zeit daran genagt hat: Die meterhohen Stahlzäune sind verrostet, der Stacheldraht auch, das Besucher- und Informationszentrum neben einer riesigen alten Turbine wirkt verwaist. Die goldenen Zeiten der Kernkraft in Deutschland sind augenscheinlich vorbei.

Neidisch haben viele andere Dörfer außenrum in den vergangenen fast 35 Jahren auf Grafenrheinfeld geblickt. Das Kernkraftwerk war für den Ort finanziell ein Glücksfall, die Gewerbesteuereinnamen unvorstellbar. Im Schnitt sieben Millionen Euro jährlich kamen alleine durch das AKW in den Gemeinde-Säckel. Bis Ende 2012 ging das, dann war Schluss. "Wir mussten rund zehn Millionen Euro an Gewerbesteuervorauszahlung an Eon zurückzahlen", sagt die parteilose Bürgermeisterin Lutz. Doch der Gemeindekämmerer hat es schon vorher kommen sehen. "Wir planen jedenfalls seit dem Jahr 2008 die Nach-AKW-Zeit", sagt Lutz. Im Gewerbegebiet siedelten sich neue Unternehmen an, neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Gut eine Millionen Euro Gewerbesteuer nimmt die Gemeinde ohne AKW ein. Das ist ein Bruchteil dessen, was man einst zur Verfügung hatte.

"Bessere Feldscheune"

Auch wenn das Atomkraftwerk wie geplant im Juni vom Netz geht - in den Augen der seit Jahrzehnten sehr aktiven Atomkraftgegner aus dem Landkreis Schweinfurt ist die Gefahr damit noch längst nicht gebannt. Zum einen fürchten sie die Freisetzung von Radioaktivität bei dem vom Kraftwerksbetreiber geplanten direkten Rückbau - zum anderen steht direkt neben dem AKW ein Zwischenlager für verbrauchte Brennstäbe. Kritiker halten "Bella", wie das Zwischenlager offiziell heißt, für unsicher. Peter Neubert, Bürgermeister von Bergrheinfeld auf der anderen Seite des Mains, bezeichnete "Bella" gar als bessere Feldscheune.

Babs Günther vom Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft sagt, die Leute in der Region seien zwar froh, "dass das Ding vom Netz geht und kein weiterer strahlender Müll mehr produziert wird". Sie ist jedoch dagegen, dass sich der Betreiber quasi im Alleingang für einen direkten Rückbau entscheiden kann. "Eon handelt auch beim Rückbau nach dem Prinzip der größtmöglichen Wirtschaftlichkeit - wir wollen größtmögliche Sicherheit", sagt sie und fordert eine transparente Alternativprüfung zwischen Rückbau und "sicherem Einschluss". Dabei würde die Anlage noch Jahre stehen bleiben, um die Radioaktivität abklingen zu lassen.

Das sieht man bei der zuständigen Firmensparte Eon Kernkraft GmbH in Hannover anders. Zum einen habe man Erfahrung mit dem direkten Rückbau in Stade und Würgassen gemacht, so Unternehmenssprecherin Petra Uhlmann. Zum anderen befinde man sich in Grafenrheinfeld schon jetzt "am Rande der Wirtschaftlichkeit". Deshalb zieht Eon den Stecker früher als es müsste - das AKW dürfte bis Ende 2015 am Netz bleiben. Zwischenzeitlich war die Abschaltung für Ende Mai geplant - wegen des milden Winters seien die Kernbrennstäbe allerdings in einem besseren Zustand als gedacht, deshalb soll das AKW noch bis Juni laufen.