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Das Handwerk setzt auf Migranten


Autor: Redaktion

Schweinfurt, Mittwoch, 02. März 2016

Bei Usama liegt das Häuserbauen in der Familie. Der Iraker ist längst integriert, er ist hier aufgewachsen.
Hochbaufacharbeiter Usama Al-Berwari: Auf Menschen wie ihn, der aus dem Irak stammt, setzt verstärkt auch das Handwerk bei der Rekrutierung von künftigen Fachkräften.  Foto: Martina Müller


Zu Usama Al-Berwari fällt seiner Chefin Christine Wessing nur Gutes ein. Er ist fleißig, engagiert, zuverlässig, hat im August seine Lehre als Hochbaufacharbeiter erfolgreich abgeschlossen und setzt gerade die einjährige Lehre als Maurer obendrauf.
Dabei will es der 18-jährige Iraker aus Sennfeld nicht belassen. Vorarbeiter, Polier, Meister - Aufstieg und Weiterbildung ist bei seiner Baufirma, der Rudolf Pfister GmbH, nicht nur möglich, sondern ausdrücklich erwünscht, sagt Wessing. Die Herkunft eines Mitarbeiters spielt für sie keine Rolle. Usama hat sie als Azubi eingestellt, nachdem er schon bei einem Schulpraktikum großes Interesse am und Talent für den Bauberuf gezeigt hatte.
Zwei Onkel und eine Tante des 18-Jährigen waren oder sind beruflich mit Bau und Projektierung befasst - mit eigener Firma, als Architekt, als Ingenieurin. "Ich will auch mit Hausbau zu tun haben", sagt der junge Iraker. Dabei hat er es beruflich natürlich leichter als die Flüchtlinge, die erst in den letzten Wochen und Monaten aus Irak oder Syrien vor dem Krieg geflohen und ins Land gekommen sind und dazu eine gute "Bleibeperspektive" haben. Usama ist schon seit 15 Jahren hier, er kam als Dreijähriger und wuchs mit der deutschen Sprache auf. Viel besser integriert als Usama kann ein Migrant kaum sein.
Das trifft auf die Flüchtlinge, die aus dem Mittleren Osten zur Zeit nach Deutschland kommen, Asyl beantragen und aus Sicht des Handwerks eine große Hoffnung gegen den drohenden Facharbeitermangel darstellen, naturgemäß nicht zu. Viele von ihnen müssen erst durch die Mühlen der Bürokratie, einen Aufenthaltsstatus bekommen, einen Platz im Sprachkurs, in Integrationsklassen von Berufsschulen.


Bleibeperspektive ist wichtig

Bis diese Asylbewerber ausreichende sprachliche, soziale und kulturelle Kompetenzen erworben haben, bis sie "ausbildungsreif" sind und den Anforderungen der dualen Ausbildung gewachsen sind, werden einige Jahre ins Land ziehen, meint Daniel Röper, Sprecher der Handwerkskammer (HWK) für Unterfranken. "Wir müssen den Fokus zuerst auf die Vorbildung legen - Deutsch, Berufsschule, Fachtermini. Eine solide Ausbildung der Menschen zu Fachkräften sei aus Sicht der Betriebe unerlässlich. Ungelernte Helfer, die nur schnell Geld verdienen wollen, brächten den Betrieben nichts, für diese gebe es kaum Beschäftigungsmöglichkeiten.
Hier weist Roland Maul, Ausbildungsberater der HWK, auf die "Einstiegsqualifizierung" hin, ein "gutes Instrument", um Ausbildungsreife zu erwerben und "ein Segen für Flüchtlinge und Asylbewerber, die noch nicht so weit sind". Die Maßnahme ist ein betriebliches Langzeitpraktikum, soll als Brücke zur Ausbildung dienen und wird von der Arbeitsagentur gefördert.
Was hält Christine Wessing von der Forderung des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, ausländischen Auszubildenden zu garantieren, dass sie während der Ausbildung von Abschiebung geschützt sind? Wessing will mehr, sagt sie dem Ausbildungsberater, nämlich dass die ausgebildeten Migranten langfristig bleiben können und dem Betrieb anschließend auch als Facharbeiter zur Verfügung stehen.
"Bildungswillige Asylbewerber und Flüchtlinge mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit sind eine wichtige Zielgruppe für das Handwerk, um einen Beitrag zur Fachkräftesicherung zu leisten", heißt es in einer Mitteilung der HWK. Aktuell betreue sie mit ihren Tochtergesellschaften über 400 Personen mit Fluchthintergrund, bei Deutschkursen, Integrationsklassen, der Berufsorientierung oder beim Coaching.
Bis aber Asylbewerber einen "Beitrag zur Fachkräftesicherung" leisten können, werden Jahre vergehen. Die Agentur für Arbeit Schweinfurt rechnet mit drei bis vier Jahren, bis ein Migrant etwa aus Syrien, Irak oder Eritrea eine Ausbildung aufnehmen kann. Dass Zuwanderer Lehrstellenmangel beheben helfen, scheint demnach eher langfristig möglich.
Für Christine Wessing, die einen Hochbaubetrieb mit knapp 100 Beschäftigten leitet, ist die Herkunft kein Einstellungsmerkmal, sondern Eignung, Wille, Einsatz, Leistung. "Derzeit sind wir auf dem Bau relativ leidensfähig", sagt sie, "weil es nicht so viele gibt, aus denen wir jemanden aussuchen können."
Mit Usama Al-Berwari ist sie jedenfalls fündig geworden. Einen Hochbaufacharbeiter hat sie mit ihm schon mal, nach zwei Lehrjahren, im Spätsommer zusätzlich einen Maurer - und irgendwann vielleicht die Führungskraft. So wie es sich die Chefin wünscht. Stefan Sauer