Am späten Vormittag des 26. Aprils 2020 ist ein Mitglied des Nürnberger Tiergartens verstorben: Der 37-jährige Delfin Anke ist tot, wie das Nürnberger Rathaus mitteilte. Seit 2017 ist bekannt, dass Anke an einer Leberschädigung ungeklärter Ursache leidet. Diese habe aber bisher "durch angepasste Fütterung bei engmaschiger Kontrolle des Tiers" beherrscht werden, heißt es in der Pressemitteilung. 

In den letzten Wochen vor ihrem Tod verschlechterte sich Ankes Zustand. Derzeit (Stand: 27. April 2020, 18.00 Uhr) gibt es noch keine Ergebnisse der Pathologie. Erst wenn diese vorliegen, können Aussagen über die letztendliche Todesursache getroffen werden. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde Giraffenbulle Leon tot in seinem Stall gefunden. 2018 verstarb neben Delfin Moby mit 58 Jahren auch der legendäre Gorilla Fritz.  

Gendefekt: Delfin Anke bleibt kinderlos

Anke stammt aus dem Golf von Mexiko und wurde 1985 bei Golfport in Mississippi (USA) im Alter von etwa zwei Jahren in ein Delfinarium gebracht. Am 28. Dezember 1990 kam sie aus Münster in den Tiergarten Nürnberg. Von 2008 bis 2012 lebte sie in einer großen Delfingruppe in der „Lagune“ des Delfinariums Harderwijk in den Niederlanden.

Anke gehört zu den letzten Wildfängen, also den genetischen Gründertieren, im Europäischen Zuchtprogramm, in dem heute über 80 Prozent der Großen Tümmler bereits „zoogeboren“sind. Nicht wenige Große Tümmler wie zum Beispiel die in Nürnberg geborene, fünfjährige Nami leben bereits in zweiter Generation in Zoos.

Anke selbst wurde vom Zuchtprogramm als mögliches genetisches Gründertier ausgeschlossen, nachdem sich der Verdacht erhärtet hatte, dass ihre Jungtiere möglicherweise aufgrund eines genetischen Defekts nicht überlebensfähig waren. Sie hatte 2006 ein Jungtier in Nürnberg geboren und zwei weitere in Harderwijk. Keines davon überlebte.

Verlust aller Küstenpopulationen des Großen Tümmlers

Dafür spielte Anke in den Forschungsarbeiten immer eine große Rolle und gehört zu den Delfinen, durch die in Nürnberg nachgewiesen werden konnte, dass Große Tümmler elektrische Reize wahrnehmen und verarbeiten können. Diese sogenannte Elektroperzeption war für Große Tümmler nicht bekannt. Diese Reizwahrnehmung stellt ein wichtiges Sinnesorgan dar, das speziell beim Gründeln nach Futtertieren eine entscheidende Rolle spielt. Auch in Versuchen zur Kognition von Delfinen gehörte Anke zu den Delfinen, auf die man sich verlassen konnte.

Die europäische Zoo-Population der Großen Tümmler wird in den nächsten Jahren ihre letzten Gründertiere aus der Wildbahn altersbedingt verlieren. Der Bestand dieser Tierart wird in einem Europäischen ex situ-Zuchtprogramm seit 2003 vollständig selbsterhaltend gemanagt.

Gleichzeitig wird zurzeit weltweit ein rasanter Verlust aller Küstenpopulationen des Großen Tümmlers beobachtet. Aufgrund der Tatsache, dass die Hochseepopulationen des Großen Tümmlers noch nicht als bedroht gelten, werden sich Zoos künftig stärker der Vermehrung stark bedrohter Küsten- und Flussdelfinarten widmen müssen. Deshalb nutzen Zoos mit jahrelanger Erfahrung in der Delfinhaltung nun ihr Wissen, um ex situ Reservepopulationen gefährdeter Arten gründen zu können. In China konnte durch solche ex situ-Maßnahmen eine nachhaltige Population des Yangtze-Schweinswals aufgebaut werden. Für den La Plata Delfin werden gerade Protokolle für die Rehabilitation von lebend gestrandeten Tieren entwickelt. Diese ex situ-Maßnahmen in Argentinien und Brasilien werden unter Mitwirkung des Tiergartens aufgebaut.

Auch andere Tiere des Nürnberger Tiergartens leiden - weil ihnen die Besucher fehlen.

Wenn die Entwicklung an den Küsten so weitergeht, könnten die Großen Tümmler des europäischen ex situ-Zuchtprogramms schneller als erwartet zu einer wichtigen Reservepopulation für die Küstenform dieser Art werden.