Nürnberg
Covid-19

Corona stellt für Suchtkranke große Gefahr dar: "Es gibt insgesamt mehr Probleme"

Mehr als fünf Millionen Menschen sind laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland suchtkrank. Darunter Menschen mit Alkohol-, Medikamenten-, Drogen-, Glücksspiel- oder Onlinesucht. Wie sich eine Pandemie auf diese Menschen auswirkt, erklärt Erica Metzner vom Suchthilfezentrum Nürnberg.
 
3,14 Promille Alkohol im Blut hatte die Angeklagte, als sie ihrem Freund ins beste Stück biss. Symbolfoto: Jens Büttner/dpa
Besonders die Corona-Zeit stellt eine schwierige Situation für Suchtkranke dar - so auch in Nürnberg. Symbolfoto: Jens Büttner/dpa

Für viele Deutsche war und ist die Coronakrise ein Härtetest. Kurzarbeit, Ausgangsbeschränkungen, Angst vor einer Infektion. Mit der Krise kommen jede Menge Faktoren, die sich negativ auf die Psyche eines Menschen auswirken können. Doch wie wirkt sich die Pandemie auf Suchtkranke aus - Menschen, die ohnehin schon körperlich wie psychisch krank sind?

Stellt Corona für Menschen mit einer Suchtkrankheit eine Gefahr dar? Ja, meint Erica Metzner, Einrichtungsleiterin des Suchthilfezentrums Nürnberg. In einem Gespräch mit inFranken.de schildert sie, wie die letzten Monate für sie, ihre Kollegen und vor allem ihre Klienten war. 

Corona: Für Suchtkranke eine schwere Zeit

„Viele sind wegen Corona auf sich zurückgeworfen. Sie sind isoliert. Eventuell droht ein Arbeitsplatzverlust. Die Struktur fällt weg. Es gibt insgesamt mehr Probleme“, schildert Metzner die Situation von Suchtkranken während der Pandemie.

Und dann ist da natürlich noch die Sache mit der Sucht. Metzner und ihre Kollegen des Suchthilfezentrums hätten alles getan, um ihren Klienten durch die schwere Zeit zu helfen und Rückfälle zu vermeiden.

Face-to-face-Therapien seien zuerst einmal Tabu gewesen. Stattdessen hätten Telefonate die Therapiestunden ersetzt: „Seit März mussten wir komplett auf Telefonberatung umsteigen. Das lief aber erstaunlich gut“, erklärt Metzner. „Durch intensiven Telefonkontakt konnten wir zu allen unseren Klienten auch trotz der Kontaktbeschränkungen im Dialog bleiben.“ 

Rückfälle stehen möglicherweise erst bevor 

„Wir hatten mit weniger Rückfällen zu kämpfen als wir gerechnet hatten“, führt Metzner aus. „Die meisten sind gut durch den Lockdown gekommen. Viele berichteten sogar, dass zu Hause zu sein und nichts zu tun, ihnen Schutz geboten hat.“ Jetzt, da die Corona-Öffnungen in Bayern in vollem Gange sind, drohe die Situation allerdings zu kippen: „Viele fragen sich, wie sie mit ihrer neu erlangten Freiheit umgehen sollen. Anders als man vielleicht annimmt, kommt es eher jetzt bei der Öffnung zu Rückfällen.“ 

Umso wichtiger sei es, wieder die Möglichkeit haben, face-to-face oder in Gruppen zu therapieren, denn auch Gruppensitzungen mussten seit dem Lockdown im März auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden. Dass der Austausch mit anderen Suchtkranken wegfallen musste, „das war eine große Umstellung und ist vielen Klienten schwergefallen“, so Metzner.

Bald könnten jedoch immerhin die Gruppentherapien – wenn auch verkürzt – wieder stattfinden: „Wir haben einem 120 Quadratmeter großen Therapieraum, in dem wir sichere Bedingungen mit viel Desinfektion und Lüften schaffen. Etwa sieben bis acht Leute können dann teilnehmen.“ Außerdem seien seit dem 4. Mai persönliche Gespräche wieder möglich. 

Mehr Neuanmeldungen als vor einem Jahr

Während das Team des Suchthilfezentrums ihre Klienten gut durch die Corona-Zeit bringen konnte, scheint die Pandemie andere Menschen in die Sucht getrieben zu haben. „Wir hatten viele Neuanmeldungen in den vergangenen Wochen“, so Metzner. Zwar würden sich immer viele Menschen im Suchthilfezentrum melden, doch sei anhand der Zahlen durchaus ein Anstieg zum letzten Jahr zu sehen: Während vom 1. Januar 2019 bis zum 30. Juni 2019 550 Menschen in Beratung gewesen waren, hätten im gleichen Zeitraum 2020 620 Personen eine Beratung in Anspruch genommen. 

Einige dieser 620 Personen bräuchten auch einen Platz im Krankenhaus – doch auch das gestalte sich wegen der Pandemie problematisch: „Wir haben Sorge, ob die, die einen Aufenthalt brauchen, ihn auch wirklich bekommen“, sagt Metzner. Denn es sei schwierig, momentan Plätze für Krankenhaus- oder Reha-Aufenthalte zu finden. Langsam, aber sicher würde sich die Situation allerdings normalisieren. 

Wer selbst von einer Sucht betroffen ist, oder weitere Fragen hat, kann sich unter der Telefonnummer 0911/376 54 – 200 beim Suchthilfezentrum in Nürnberg melden.