• Sandra Norak lebt als junge Frau sechs Jahre lang als (Zwangs-)Prostituierte
  • Wegen toxischer Elternbeziehung: Nürnberger Loverboy wird einzige Bezugsperson 
  •  "Wenn du nicht dazu bereit bist, kannst du mich nicht lieben": Norak geht für ihn anschaffen
  • Als künftige Anwältin will sie heute gegen Zuhälter und Menschenhändler vorgehen

Sandra Norak - ihr Name ist ein Pseudonym - geriet als Schülerin über einen Online-Chat an einen Zuhälter (Loverboy) aus dem Raum Nürnberg, der ihr die Liebe vorgaukelte, die sie zu Hause vermisste. Mit psychischem Druck brachte er sie schließlich dazu, als Prostituierte für ihn anschaffen zu gehen. Tausende traumatisierende Stunden mit Freiern, das Leben in einem Kellerzimmer und Bedrohungen führten bis zum psychischen Zusammenbruch, erzählt sie im Gespräch mit inFranken.de. Aus diesen Erfahrungen schöpft die generelle Gegnerin von Bordellen eine starke Motivation, als künftige Anwältin Betroffenen zu helfen.

Nürnberger Loverboy baut Vertrauen auf - und nutzt Einsamkeit aus

Norak berichtet im Gespräch: "Ich wuchs in einem kleinen Ort in Niederbayern auf. Mein Elternhaus war von Grenzüberschreitungen und auch Gewalt durch meine Mutter geprägt. Von Mitschülern habe ich mich distanziert, ihnen nichts von den Zuständen zu Hause erzählt. Stattdessen habe ich Online-Chats vorgezogen, als Flucht aus der Realität. Als 16-Jährige begann der Rekrutierungsprozess durch meine Täter in Form der sogenannten Loverboy-Methode, eine Form von Menschenhandel. Ich habe im Internet zunächst eine Frau kennengelernt, die mich schließlich an meinen späteren etwa 20 Jahre älteren 'Loverboy' vermittelt hat. Beide waren schon länger im Rotlichtmilieu unterwegs - die Frau war Prostituierte für ihn."

Das gemeinsame Ziel der beiden beschreibt Norak so: "Eine neue Prostituierte zu rekrutieren, um sie in der Prostitution auszubeuten und Geld zu machen. Vor allem instabile Frauen sind hierbei eine beliebte Zielgruppe, da deren Hemmschwelle, weitere Gewalt zu ertragen, durch bereits vorhandene schwere Lebensumstände geringer ist. Es war ein langsamer Vertrauens- und Beziehungsaufbau. Das Thema Prostitution spielte bei unserem Kennenlernen anfangs keine Rolle und kam auch nicht vor. Ich habe ihnen von meinen Problemen zu Hause erzählt und sie wussten, dass ich da rauswollte. Das haben sie ausgenutzt."

"Der Mann ist im Laufe der Zeit zu meiner engsten Bezugsperson geworden. Irgendwann hat er mir gesagt, dass er sich durch das häufige Schreiben und den dabei tiefgehenden Gesprächen in mich verliebt hat. Ein erstes Treffen ist dann in meinem Heimatort zustande gekommen. Ich hatte ein komisches Bauchgefühl, aber ich habe mich sehr einsam gefühlt und wollte an der Vorstellung, einen Menschen gefunden zu haben, der mich liebt und dem ich wichtig bin, festhalten. So habe ich versucht, dieses Bauchgefühl zur Seite zu schieben."

Schulden, Erpressungen, psychischer Druck: So läuft die Zuhälter-Masche

"Später habe ich ihn regelmäßig am Wochenende besucht, bin mit dem Zug nach Nürnberg gefahren. Eines Tages nahm er mich mit in ein Bordell, um mit seinen 'Freunden' Kaffee zu trinken, die Bordellbetreiber und/oder Zuhälter waren. Davon, dass ich mich prostituieren soll, war keine Rede. Ich begleitete ihn nur. Er hat mich langsam in die Szene eingeführt. Zu Beginn war diese Umgebung schockierend für mich und ich fühlte mich fremd, dort zu sein, aber wenn man das jedes Wochenende sieht und die Leute einem ein familiäres Gefühl geben, wird es irgendwann in gewisser Hinsicht normal."

"Nachdem etwas Zeit vergangen und ich öfter mit ihm in diesen Bordellen war, hat er mich gefragt, ob ich mich nicht auch einmal prostituieren wolle. Man könne dabei immerhin viel Geld verdienen und es sei ein normaler Beruf. Nachdem ich es verweigert hatte, ist er in das zweite Stadium übergegangen: Er habe Schulden. Wenn er diese nicht abbezahlen könne, bekomme er Probleme und Prostitution sei der Weg, schnell viel Geld zu verdienen, um ihm zu helfen. Ein Satz ist öfter gefallen, um mich zur Prostitution zu bringen: 'Wenn du mich wirklich liebst, hilfst du mir und gehst in die Prostitution.' Ich würde mittlerweile ja sehen, dass dort alle Frauen für ihre Männer anschaffen gingen und ihnen helfen würden."

"Auch den Vorwurf, ich sei dafür verantwortlich, wenn ihm andernfalls etwas zustoßen sollte, da er ohne meine Hilfe gefährliche Geschäfte machen müsse, um an Geld zu kommen, hat er gerne eingesetzt. Ich kannte die Leute, von denen er sprach, teilweise auch schon. Es waren unter anderem Männer aus Rockergruppierungen. Als ich seiner Forderung zuerst nicht nachkam, wurde er kühl und hat sich kurze Zeit von mir distanziert. Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht und ihn angerufen. Am Telefon hat er die Argumente wiederholt. Mit solchen Erpressungen nach dem Aufbau einer starken emotionalen Bindung arbeiten Menschenhändler oft und sie wissen, dass die Frauen darauf anspringen. Sie nutzen die Notlage der Frauen, ihre Vulnerabilitäten und Vortraumatisierungen aus sowie auch die Tatsache, dass sie tief lieben können."

"In der Prostitution verliert man seinen Selbstwert ganz"

"So bin ich schließlich in die Prostitution geraten. Das erste Mal war sehr schlimm. Der Freier hat gesehen, dass ich unerfahren war und es nicht wollte, aber es ignoriert. Ich wurde bei diesem ersten Mal von einer anderen Prostituierten meines Zuhälters angelernt. Zuhälter wissen, wenn sie den Frauen gewisse Dinge antun, verändert sich etwas ihnen. Dann ist man plötzlich in einer Welt, aus der man nicht so leicht wieder rauskommt." In ihrem Blog schreibt Norak ihre Erfahrungen für die Öffentlichkeit sichtbar nieder. Sie sagt auch:

"Wenn man beginnt, als Prostituierte zu 'arbeiten' hat man meist bereits wenig Selbstwert, in der Prostitution verliert man seinen Selbstwert ganz - man wird von Freiern gedemütigt, erniedrigt, benutzt und als Fußabtreter behandelt. Man fühlt sich immer wertloser, man glaubt immer weniger daran, ein Leben und Hilfe zu verdienen, weil man nur etwas ist, was am allerletzten Rand der Gesellschaft steht. Ich war schließlich Vollzeit in der Prostitution und habe bei ihm gewohnt."

"Da ist es dann komplett ausgeartet. Einem wird mit Konsequenzen gedroht, wenn man sagt, was man wirklich gesehen hat und was die wirklichen Umstände sind. Man schweigt oder erzählt Geschichten - und wird für andere in der 'normalen' Welt immer unzugänglicher: Es findet ein Isolationsprozess von der 'normalen' Welt statt."

Psychischer Zusammenbruch macht "Probleme" - Lösung von Zuhälter beginnt

"Ich habe die Schule ein Jahr vor dem Abitur während der 13. Klasse abgebrochen und irgendwann nur noch Dinge besessen, die ich für die Prostitution brauchte. Später habe ich circa zwei Jahre lang in einem Kellerzimmer eines Bordells gelebt. Dort kam mein Zuhälter immer hin und hat 'sein' Geld abgeholt. Mein Geld natürlich, aber er bezeichnete es als seins. Ich gehörte seiner Auffassung nach ihm, also gehörte auch mein Geld ihm. So sah und praktizierte er das sehr lange."

"Es ist ein legales Bordell gewesen. Auch in legalen Bordellen findet Menschenhandel statt. Bedrohungen machen Angst und in den meisten Fällen ist es nicht möglich, sich einfach von seinem Zuhälter zu verabschieden und das Geld für sich zu behalten. Erst durch einen psychischen Zusammenbruch hat die schrittweise Lösung von meinem Zuhälter begonnen, weil mein Zustand 'Probleme' machte, für Außenstehende auffällig war und eine 'leise Ausbeutung' mit geringer Gefahr der Strafverfolgung, wie die Jahre zuvor, immer weniger möglich war."

"Als ich mich von meinem Zuhälter immer weiter lösen konnte, wollte ich aussteigen, wusste aber nicht wie, weil ich in diesem Bordell festsaß. Sozialarbeiter kamen da nicht rein. Ich schämte mich zudem und hatte Angst, Hilfe zu suchen und auf Ablehnung und Vorwürfe zu stoßen. Ich war dann noch eine Zeit lang 'freiwillig' in der Prostitution, um aus der Situation, in die mich mein Zuhälter gebracht hatte, wieder herauszukommen. Traumatisiert, mit abgebrochener Schule und Jahren Lücke im Lebenslauf war der Ausstieg verdammt schwer. Mittlerweile habe ich das Abitur nachgeholt und ein Jurastudium beendet, um Betroffenen auch juristisch helfen zu können."

Heute ist Norak Diplom-Juristin: "Haben Untergrund bereits in legalen Bordellen"

Über ihre Motivation schreibt Norak: "Dann werde ich gegen euch vorgehen, ihr Zuhälter und Menschenhändler da draußen." Daneben hält die 32-Jährige Vorträge und Diskussionsrunden an Schulen. "Aufklärung über die Gefahren der Prostitution und Prävention sind mir sehr wichtig. Anders als unsere Gesellschaft oft argumentiert, ist Prostitution kein Beruf wie jeder andere."

Norak hat zudem die Betroffenenorganisation 'Ge-STAC' gegründet: "Ich bin nicht alleine, sondern wir sind viele Betroffene von Menschenhandel und Ausbeutung. Das möchten wir zeigen und die Lage für Betroffene verbessern." Daneben tritt sie für ein Gesetzesmodell ähnlich des nordischen Modells ein: "Hierbei werden prostituierte Menschen entkriminalisiert, Freier, Zuhälter, Bordellbetreiber und generell Profiteure der Prostitution anderer dagegen kriminalisiert. Es gibt Ausstiegshilfen sowie Aufklärung in der Gesellschaft."

"Ein Gegenargument ist oft, dass damit alles im Untergrund stattfinde. Wir haben diesen Untergrund aber bereits. Es finden ja auch sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sowie Menschenhandel und Zuhälterei in legalen Bordellen statt, die Strafverfolgung in diesem legalen Umfeld ist allerdings so schwierig, dass nur die wenigsten Täter auch verurteilt werden."