Das Bartgeierpaar des Tiergartens Nürnberg zieht ein Adoptiv-Küken aus österreichischer Kunstbrut auf. Die Eingliederung von "Wastl" klappt gut, heißt es.
Das Bartgeierpaar im Tiergarten der Stadt Nürnberg hat ein Bartgeierküken aus der Zuchtstation Haringsee in Österreich adoptiert. Wie die Stadt Nürnberg berichtet, ist das Junge mit dem Namen „Wastl“ am 6. März 2023 geschlüpft und kam Mitte März in den Tiergarten. Die Nürnberger Bartgeier ziehen ihn in der 2016 eröffneten Voliere auf, die der Tiergarten mit Unterstützung des Vereins der Tiergartenfreunde e. V. gebaut hat. Sie haben das Küken als Ammenpaar gut angenommen, füttern und pflegen es. Der adoptierte Nürnberger Bartgeier stammt aus einer genetisch wertvollen Linie. Er soll später zur Zucht eingesetzt werden, um für Nachwuchs zu sorgen.
„In der Vergangenheit hat unser Bartgeierpaar schon mehrfach erfolgreich Junge aufgezogen. Leider hat es aber auch dieses Jahr wieder nicht mit Nachwuchs geklappt. Ein Ei war unbefruchtet, im anderen starb der Embryo noch vor dem Schlupf ab“, sagt Jörg Beckmann, Biologischer Leiter und stellvertretender Direktor des Tiergartens. „Umso erfreulicher ist es, dass sie jetzt den kleinen Wastl adoptiert haben und sich fürsorglich um ihn kümmern – zumal sie bisher noch nie als Adoptiveltern eingesetzt waren. Dies zeigt, wie gut die Zusammenarbeit im Erhaltungszuchtprogramm für Bartgeier zwischen verschiedensten Einrichtungen in ganz Europa funktioniert.“
Der Transport eines so jungen Kükens ist durchaus aufwendig: „Der kleine Bartgeier wurde nach einem Gesundheitstest behutsam, in einem warmen Nest und unter dauernder Betreuung durch eine erfahrene Pflegerin nach Nürnberg transportiert. Über die spezifischen Lautäußerungen des Winzlings konnte die routinierte Betreuerin erkennen, ob und wie sie reagieren muss, um das Wohlbefinden des empfindlichen Jungvogels sicherzustellen. So landete der Kleine nach vielen Stunden Autofahrt wohlbehalten bei seinen neuen Zieheltern in Nürnberg“, sagt Dr. Hans Frey, Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Eulen- und Greifvogelstation Haringsee. „Das Brutpaar im Tiergarten Nürnberg ist eines der ältesten und erfolgreichsten im ganzen Zuchtnetz. Auch wenn es mit dem eigenen Nachwuchs nicht geklappt hat, kann es dennoch die überaus wichtige Rolle der Adoptiveltern erfüllen.“
Adoptionen tragen zum Arterhalt bei
Bartgeier legen meist zwei Eier im Abstand von rund zehn Tagen. Bei der Bebrütung wechselt sich das Paar ab. Schlüpfen beide Jungvögel, so überlebt in der Natur in der Regel nur das ältere. Das jüngere Küken wird normalerweise entweder vom älteren getötet oder es verhungert, weil es sich gegen das ältere Geschwister nicht durchsetzen kann. Dieses Verhalten, auch Kainismus genannt, ist für die Art völlig normal. Das zweite Junge dient als Reserve, falls das ältere die ersten Tage nicht überlebt oder das Ei unbefruchtet ist.
Der Jungvogel aus Haringsee ist in sogenannter Kunstbrut geschlüpft. Das Ei wurde nicht durch die Eltern bebrütet, sondern in einem Inkubator, also einem speziellen Brutapparat. Allein in dieser Brutsaison sind bisher über 30 Geierküken in den Zoos und Zuchtzentren geschlüpft.
Wenn eines der Küken – wie im Fall des Adoptivgeiers in Nürnberg – von einem Ammenpaar aufgezogen wird, erhöht sich die Anzahl der Tiere, die für eine Auswilderung in Frage kommen oder innerhalb des europäischen Zuchtprogramms für den Fortbestand dieser Art sorgen können. Außerdem werden die adoptierten Küken von Artgenossen aufgezogen, was sich positiv auf das Verhalten der Tiere auswirkt.
Erfolgreiche Bartgeier-Zucht seit 1997
Der Tiergarten Nürnberg hält – mit nur kurzen Unterbrechungen – bereits seit 1965 Bartgeier. Sie sind Teil des europäischen Zuchtprogramms EEP (EAZA ex situ-Programm), das den Erhalt der Art und auch deren Wiederansiedelung in der Natur zum Ziel hat. Zusammen mit dem Tiergarten Nürnberg beteiligen sich 40 Zoos und Zuchtstationen in Europa am EEP für Bartgeier. In Nürnberg wurde 1997 zum ersten Mal ein Jungtier erfolgreich aufgezogen. Mit seinen Nachzuchten unterstützte der Tiergarten bereits Auswilderungsprojekte in Spanien und Frankreich.