Uehlfeld: Storchen-Hauptstadt mit 40 Nestern - "Es wimmelt nur so von Storchendörfern"
Autor: Agentur dpa
Uehlfeld, Donnerstag, 18. Mai 2023
Einst gab es im Dorf ein Storchennest, und auf das war man stolz. Inzwischen gibt es Dörfer mit Dutzenden Nestern - mit teils kuriosen Folgen. Wie kommt das? Und was sagen Bewohnerinnen und Bewohner dazu?
Gleich am Ortseingang Uehlfeld warnt ein Schild: "Achtung! Störche im Tiefflug!" Das ist zwar ein bisschen scherzhaft gemeint mit Blick auf die Touristen, die wegen der vielen Störche in das Dorf Uehlfeld kommen. Doch schon wenige Meter weiter sieht man, dass die Warnung nicht von ungefähr kommt. Überall auf den Dächern klappern die Weißstörche. Allein auf dem Kirchturm haben sie fünf Nester gebaut. Immer wieder segelt einer der weiß-schwarzen Vögel majestätisch von Dachfirst zu Dachfirst - und dabei quer über die Bundesstraße, die sich mitten durch den Ort zieht.
"Wir haben im Augenblick 53 Horste", sagt Detlef Genz, Bürgermeister der rund 3000-Einwohner-Gemeinde im Norden Bayerns. "Meines Wissens so viel wie in keinem anderen Ort in Deutschland." Mit Sicherheit lässt sich das allerdings nicht sagen. Aber das seien schon sehr viele, sagt auch der Storchenexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) in Bergenhusen. Die Gemeinde in Schleswig-Holstein hat mit 25 Nestern selbst eine größere Kolonie, kommt aber gerade mal auf knapp 730 Einwohner.
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Einst war der Weißstorch in Deutschland fast ausgestorben. Inzwischen brüten Thomsen zufolge bundesweit rund 10 000 Storchenpaare. In den vergangenen Jahren habe die Population im Westen Deutschlands stark zugenommen, sagt Thomsen. Die storchenreichsten Bundesländer seien Baden-Württemberg und Niedersachsen. Im Osten seien die Bestände dagegen allenfalls stabil, in Mecklenburg-Vorpommern sogar rückläufig. Und diese Entwicklung habe Folgen: "Wenn ein großer Populationsdruck da ist, können an günstigen Standorten Kolonien entstehen."
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So wie in Uehlfeld. Gerhard Bärtlein, 74 Jahre, ist mit den Störchen aufgewachsen. Er kann sich noch an Zeiten erinnern, wo sich kein Storch blicken ließ. Doch seit Jahren werden es immer mehr - auch auf seinem Grundstück. Fünf Storchpaare brüten derzeit auf seinen Dächern. Wahrscheinlich wären es noch viel mehr, wenn er den Nestbau an ungeeigneten Stellen nicht in einem frühen Stadium unterbunden hätte. "Vielleicht hat es sich in der Storchenwelt herumgesprochen, dass es sich in Uehlfeld gut lebt?", mutmaßt er.
Wissenschaftlich ist das Verhalten der Störche schwer zu untersuchen, deshalb können Fachleute nur Vermutungen anstellen. "Das ist eine ganz verrückte Sache", sagt Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee. In den ersten Jahren werde ein Brutpaar alles versuchen, um sein Revier zu verteidigen. "Doch wenn eine bestimmte Dichte erreicht wird, ist es, als wenn ein Hebel umgelegt wird. Aber was da genau passiert zwischen Aggression und Koloniebildung ist nicht ganz klar." Ein ähnliches Verhalten sei bei Höckerschwänen auf der Themse in London beobachtet worden.
Zunehmende Koloniebildung in Deutschland
Die zunehmende Koloniebildung bei Störchen könnte nach Ansicht von Fiedler auch mit dem veränderten Zugverhalten zusammenhängen. Die Zahl der Störche, die über die Westroute in die Winterquartiere fliegen, habe zugenommen. Etwa zwei Drittel von ihnen fliege gar nicht mehr bis nach Afrika, sondern überwintere großteils in Spanien, wo auf Mülldeponien ausreichend Nahrung zu finden sei. Diese Störche haben deshalb viel bessere Überlebenschancen als die Ostzieher, die viele Tausend Kilometer mehr - zum Teil bis Südafrika - zurücklegten.
"Seit die Westzieher zunehmen, wimmelt es nur so von Storchendörfern", sagt Fiedler. Vor allem im Süden und Südwesten Deutschlands seien Dörfer mit mehr als zehn Storchenpaaren keine Besonderheit mehr. Und das könnte Auswirkungen auf die Rückkehr der Störche nach Deutschland haben, vermutet er. Die Westzieher, die eine kürzere Strecke zurücklegen müssten, könnten schon ab Mitte Februar auf dem Nest sitzen. "Wenn die Dichte steigt, ist der Druck größer, früher zurückzukehren. Wer zuerst auf dem Nest sitzt, hat immer Vorteile."