Vor gut 90 Jahren, am 18. Juli 1927, beschloss der Lichtenfelser Stadtrat, eine Verbindung zwischen der Gartenstraße (heute Myconiusstraße) und der Corneliusstraße (heute Dr.-Martin-Luther-Straße) zu schaffen, also eine Parallelstraße zur Kronacher Straße. Sie sollte nicht nur die Behörden- und Villenstraße entlasten.

Schnellschrift entwickelt

Benannt wurde die Straße nach dem Münchner Franz Xaver Gabelsberger (1789-1849), der eine im entstehenden Parlamentarismus wichtige Schnellschrift entwickelte. Über die öffentliche Verwaltung gewann sie auch im Geschäftsleben an Gewicht. Auf der Gabelsbergerschen Kurzschrift basiert die 1924 entwickelte Einheitskurzschrift.

Lange vor Anlage der Straße bestand in der Stadt ein "Gabelsberger Stenographenverein", der den Namen des Erfinders schon deshalb im Namen trug, weil in Lichtenfels noch ein weiterer Verein existierte, der ein anderes Kurzschriftsystem pflegte: der "Stenotachygraphenverein", benannt nach einer auf den Berliner August Lehmann (1843-1893) zurückgehenden Kurzschrift. Während dieser Zusammenschluss offenbar kurzlebig war, bestand der nach Gabelsberger benannte Verein mehrere Jahrzehnte.

Die Gabelsbergerstraße ist mit ihrem Namen bereits auf einem Stadtplan von 1928 eingezeichnet, wurde aber endgültig erst 1929 fertiggestellt, da der schwierige Grundstückserwerb den Ausbau verzögert hatte. Nur allmählich wurde die Straße bebaut, und zwar ausschließlich die südliche, von der Bahn abgewandte Straßenseite. 1937 gab es sechs Wohnhäuser, die die Anschrift Gabelsbergerstraße trugen. In Nr. 2 (früher Hausnummer 1) wohnte Johann Unrein (1891-1963), der zu den wichtigsten Lichtenfelser Kommunalpolitikern in der Weimarer Republik und der jungen Bundesrepublik zählte.

1919 zog er erstmals in den Stadtrat ein. Der Ortsgruppe der katholisch-konservativen Bayerischen Volkspartei stand er von 1927 bis zu ihrer Auflösung 1933 vor.

Mitgründer der CSU

1945 zählte er zu den Gründern der CSU in Lichtenfels, in der er mehrere Jahre als Ortsvereinsvorsitzender wirkte. 1951 wählte ihn der Stadtrat nach dem plötzlichen Tod Dr. Julian Wittmanns zum Ersten Bürgermeister.

Doch schon 1952 sollte er nach dem Willen seiner Partei das Amt wieder verlieren. Als ihn die CSU nicht mehr als Bürgermeisterkandidaten nominierte, ließ er sich von der Freien Wählergruppe aufstellen; er gewann die Wahl und amtierte bis 1958. Ihr besonderes Gepräge erhielt die Gabelsbergerstraße lange Zeit durch eine Reihe von 109 Pappeln, die zur Bahn hin standen. 1929 gepflanzt, verschwanden sie drei Jahrzehnte später: Etliche Bäume waren abgestorben; die Baumreihe galt als nicht mehr zu retten. So wurde sie im November 1959 gefällt.

Sentimental kommentierte das Lichtenfelser Tagblatt: "An linden Sommerabenden war es wirklich ein stilles Vergnügen, im Banne der langschäftigen Pappeln Arm in Arm zu flanieren. Der schwache Verkehr und die geringe Beleuchtung gaben dem Weg so recht die Stimmung einer traumvollen Liebeslaube. Mit der Beseitigung der Bäume ist das Idyll zerstört." An ihre Stelle wurde eine Hecke gepflanzt.