Wird es ihren Beruf in zehn Jahren überhaupt noch geben, wie werden dann ihre Arbeitsbedingungen sein und werden sie ihre Familien mit ihren Einkommen noch ernähren können? Fragen gab es viele beim Fernfahrer-Frühschoppen in der Gaststätte "Wallachei" in Lichtenfels.
Dazu hatte Pastoralreferent Norbert Jungkunz alle Fernfahrer der Landkreise Coburg, Kronach und Lichtenfels eingeladen. Gastredner des Vormittags war der verkehrspolitische Sprecher der sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament Ismail Ertug.


Weniger Geld in der Tasche

Der Fernfahrer-Frühschoppen bietet den Berufskraftfahrern und ihren wenigen Berufskolleginnen die Möglichkeit, sich den Frust von der Seele zu reden. Seit 30 Jahren sei er im Beruf, erzählt ein Kraftfahrer. Im Gegensatz zu früher könne er sich heute kaum noch etwas leisten. Einen Vergleich zu früher zieht auch sein Kollege, nicht nur von der finanziellen Seite her, sondern auch aus dem Bereich der Beschäftigungssituation der Fahrer. Als "pervers" bezeichnete er es, dass manch osteuropäischer Fahrer über zwei Verträge verfüge. Einen, der ihn zu einem Dumpinglohn fahren lasse und einen zweiten, der bei Kontrollen zum Vorschein komme und ein höheres Einkommen ausweise. "Die Leute müssen nach den Standards der Länder entlohnt werden, in dem sie ihre Leistung erbringen", erklärt Ertug. Die Branche boome, doch die Fahrer profitierten kaum davon. Beklagt wurde auch, dass gesetzlichen Regelungen nicht umgesetzt werden.
Ein weiterer Fernfahrer war davon überzeugt, dass trotz gesetzlichen Mindestlohns ihn mancher Fahrer nicht erhalte, da manche geleistete Arbeit nicht als solche bezahlt werde. Ein anderer Brummifahrer wies auf die geringen Transportkosten hin, die nur einen Bruchteil an den Gesamtkosten eines Produkts einnähmen. Einen anderen Aspekt brachte ein kleiner Transportunternehmer ins Gespräch, der die hohen Lohnnebenkosten anprangerte. "Kleine Unternehmen haben es schwer, mit den Großen der Branche mitzuhalten", sagte er. Um als kleiner Unternehmer zu überleben, brauche es schon eigene Kunden zu eigenen Konditionen. Beklagt wurde auch, dass die EU zwar Richtlinien verabschiedet, die aber oft nicht berücksichtigt und überwacht werden.


Nationale Interessen

Wie Ertug betonte, sei es nicht einfach, die Interessen von 28 Mitgliedsstaaten unter einen Hut zu bringen, wenn jeder EU-Abgeordnete nur die Belange der Branche vor dem Hintergrund der eigenen nationalen Interessen sieht. Den Besuchern des Fernfahrer-Frühschoppens riet er doch einmal eine Debatte im Parlament mit zu verfolgen.
Vor dem Hintergrund von Schlagworten wie Gigaliner, Monstertrucks, Lang-Lkw und selbstfahrende Lastwagen wurde auch die Frage diskutiert ob in zehn Jahren überhaupt noch Lkw-Fahrer benötigt werden. Durch die Einführung von Lang-Lkw werde die Bereitschaft sinken, den Transport von Gütern von der Straße auf die Schiene zu verlagern, lautete eine Befürchtung. Eine andere, dass bereits heute die Parkplätze für Ruhezeiten nicht mehr ausreichen und die Schäden an der Infrastruktur, wie beispielsweise an Brückenbauwerken, durch die deutlich schwereren Lang-Lkw noch zunehmen werden. "Warum soll die Volkswirtschaft die Infrastruktur zahlen, damit wenige Große damit Profit machen können?", fragte ein Teilnehmer.
Als verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament (S&D) koordiniert Ismail Ertug seit 2014 die Arbeit der 189 sozialdemokratischen Abgeordneten im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr (TRAN).