Seit 35 Jahren lädt die SPD einmal im Jahr die Journalisten aus der Region auf die Karolinenhöhe in Trieb zum Wildentenessen ein. Am Freitag war Markus Rinderspacher zu Gast, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag. Er hielt eine kurze, pointierte Rede und widmete sich dann dem Gespräch mit den Pressevertretern.
Diese Zeitung unterhielt sich mit MdL Susann Biedefeld über ihren Lebenspläne und über das politisch Erreichte.

Frage: Sie kandidieren nicht mehr für die nächste Legislaturperiode im bayerischen Landtag. Mit welchen Gefühlen beenden Sie diesen Lebensabschnitt?
Susann Biedefeld: Ich bin ja noch 19 Monate Landtagsabgeordnete, aber ich sehe dem neuen Lebensabschnitt schon heute mit gemischten Gefühlen entgegen. Mit einem lachenden Auge, weil ich noch einmal etwas völlig Neues anpacken will, worauf ich mich freue. Aber auch, weil ich mehr Zeit für meinen Ehemann Otto Schuhmann, meine Familie, meine Freunde und Bekannten sowie für meine vielfältigen Interessen haben werde. Mit einem weinenden Auge, unter anderem weil ich meinen Beruf als Landtagsabgeordnete liebe, ja eher als Berufung betrachte und nach wie vor leidenschaftlich meine Tätigkeit für die Bürgerinnen und Bürger, für die Vereine und Verbände, für Oberfranken und Bayern ausübe. Nach 24 Jahren Abgeordnetentätigkeit wird das bestimmt eine ganz heftige Umstellung für mich.

Was haben Sie für den Kreis Lichtenfels erreichen können?
Das ist schwer, in nur wenigen Sätzen zu beantworten. Und man muss berücksichtigen, dass ich dann leider 24 Jahre Oppositionspolitikerin war und die CSU mit ihrer Mehrheit in Bayern zunächst einmal alles von der SPD ablehnt, auch wenn sie es später aufgreift und als CSU-Idee verkauft. Ich erinnere mich an ganz viele individuelle Anliegen von Bürgern, denen ich helfen konnte. Ein Beispiel ist die Verhinderung einer Abschiebung einer Familie oder eines kleinen Mädchens aus Kenia. Heute ist sie eine junge Frau, voll integriert und sieht ihrem Abitur entgegen. Oder ich denke an die Unterstützung von vielen Vereinen und Verbänden. Ich bin stolz darauf, auch in meiner Funktion als Vorsitzende einer wichtigen Bildungsstätte im Landkreis Lichtenfels, der Franken-Akademie Schloss Schney, diese Einrichtung unter anderem mit Mitteln des Freistaates Bayern zukunftsfähig und wettbewerbsfähig gestaltet zu haben. Hier geht es um ein wichtiges Bildungsangebot weit über die Grenzen des Landkreises und Bayerns hinaus, es geht um Arbeitsplätze und es geht um einen wichtigen Werbeträger für die gesamte Region. Nimmermüde habe ich mich zum Beispiel auch um die ärztliche und notfallärztliche Versorgung im Landkreis Lichtenfels gekümmert und betrachte die positive Entwicklung bei Einhaltung von oft überlebenswichtigen Hilfsfristen bei der Notfallversorgung, etwa für den Jura, die Einrichtung einer neuen Rettungsstation in Weismain mit als meinen Erfolg.

Kampf um einen ICE-Halt in Lichtenfels, Windräder auf dem Jura, immer neue Stromtrassen-Debatten - auch in der ländlichen Region bestimmt der Wandel das Leben. Wird das politische Geschäft unübersichtlicher?
Ja! Aber nicht nur unübersichtlicher, sondern auch viel schnelllebiger, teils viel oberflächlicher... und oft auch schwieriger. Und das, für was ich mich bis zum heutigen Tage mit meiner SPD eingesetzt habe und einsetze, tatsächlich vergleichbare Lebens- und Arbeitsbedingungen in allen Landesteilen Bayerns und damit auch in Oberfranken zu erreichen, habe ich nur ansatzweise durchsetzen können. Manchmal geht es statt vorwärts eher rückwärts. Beispiel gefällig? Wenn ich nur an den parteiübergreifenden Einsatz in der Region und auch von mir für den ICE-Halt in Lichtenfels denke. Hier geht es definitiv rückwärts, denn unser Landkreis Lichtenfels und die gesamte Region werden über Jahre hinweg im Bahnverkehr massiv abgehängt. Verheerend!

Wie wirkt sich der "Schulz-Effekt" auf die SPD aus? Wird es der Partei gelingen, die derzeitige Aufbruchstimmung zu nutzen, um in der Bundespolitik wieder einflussreicher zu werden?
Durchwegs positiv und das in einer unvorstellbaren Größenordnung. Ich kann den "Schulz-Effekt" selbst fast nicht glauben, ja fast nicht erklären. Martin Schulz hat der SPD ihr Selbstbewusstsein, ihren Kampfgeist, gerade wenn es um soziale Gerechtigkeit in unserem Land geht, zurückgegeben. Es treten so viele neue Mitglieder und vor allem junge Menschen in die Politik ein, wie ich es in meiner 37-jährigen Parteizugehörigkeit noch nicht erlebt habe. Sie wollen alle mithelfen, am 24. September einen Regierungswechsel mit einem Bundeskanzler Martin Schulz zu erreichen und sie wollen Politik aktiv mitgestalten. Und noch viel wichtiger: Er erreicht und überzeugt viele Menschen, wie wichtig es ist, (wieder) die SPD zu wählen. Ja, ich gehe fest davon aus und bin überzeugt davon, dass es der SPD gelingen wird, diese unvorstellbare Aufbruchstimmung und Mobilisierung weit über die Partei hinaus zu nutzen und im Interesse und zum Wohle vieler Menschen in unserem Land einflussreicher zu werden. Jetzt gilt es aus Umfragewerten am 24. September zur Bundestagswahl noch bessere Wahlergebnisse zu machen.

Wie lange gibt es das Wildentenessen für Journalisten mit prominenten SPD-Politikern in Trieb bereits und wer war schon da?
Das Wildentenessen war eine Idee von meinem Ehemann Otto Schuhmann. Als ehemaliger Lichtenfelser Landtagsabgeordneter (1974 bis 1994) hat er 1982 zum ersten Mal Journalisten oberfrankenweit zusammen mit prominenten SPD-Politikern auf die Karolinenhöhe nach Trieb eingeladen. Und ich meine, es waren für alle Anwesenden immer sehr interessante, gesellige und genussvolle Abende. Ich selbst habe, bevor ich 1994 zur Landtagsabgeordneten gewählt wurde, bereits Jahre zuvor als freie Journalistin teilnehmen dürfen und die Abende genossen. Und da war es auch keine Frage, dass ich als Landtagsabgeordnete diese Tradition gerne übernommen und bis heute fortgesetzt habe. Als Landtagsabgeordnete haben sich Otto Schuhmann und ich bei den politischen VIPs auch überwiegend auf Landespolitiker konzentriert: die Fraktionsvorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion bzw. Vorsitzenden der Bayern-SPD Hans-Jochen Vogel, Helmut Rothemund, Karl-Heinz Hiersemann, Albert Schmid, Renate Schmidt, Franz Maget, Ludwig Stiegler und Markus Rinderspacher, waren alle da. Manche sogar mehrmals, weil sie diese Veranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes liebten, zum Beispiel Karl-Heinz Hiersemann. Es waren aber auch prominente Kommunalpolitiker, wie die Oberbürgermeister Ulrich Maly oder Christian Ude sowie namhafte oberfränkische Bundes- und Europapolitiker zu Gast - Peter Glotz, Georg Rosenthal und Günter Verheugen.

Wie haben sich die politische Landschaft und die Medienwelt in dieser Zeit verändert?
Die politische Landschaft und besonders die Medienwelt haben sich, gerade in den letzten Jahren, massiv geändert. Im Vergleich zu 1994 fast nicht wieder zu erkennen. Unsere Parteienlandschaft hat sich durch neue Parteien, wie die Freien Wähler, die Piraten oder die AfD, stark vergrößert. Politikern und Journalisten wird immer weniger vertraut und geglaubt (Stichwort: Lügenpresse). Immer mehr Rechtsradikalismus, Hass und Hetze, Verrohung der Sprache, mangelnder Respekt vor anders Denkenden, soziale Netzwerke und damit eine völlig veränderte Kommunikation, um nur einige Entwicklungen zu nennen. Leider zählen immer weniger Zahlen, Daten, Fakten.

Gibt es ein Erlebnis, an das Sie sich im Zusammenhang mit den Wildentenessen besonders gern erinnern?
Ja, da gibt es viele Erlebnisse: Von der Wildente, die ich als junge Abgeordnete und Gastgeberin vor lauter Aufregung auf meinen Schoß gekippt habe, auf den Besuch in der Küche der Karolinenhöhe, um bei der Zubereitung der leckeren Wildente einmal über die Schulter schauen zu dürfen, an die gemischten Schafkopfrunden von Journalisten und SPD-Politikern manchmal (und früher) bis in die frühen Morgenstunden, an das einmal umfunktionierte Wildentenessen an einem Sommernachmittag mit Oberbürgermeister Christian Ude, der mit einer großen Torte der Konditorei Besold aus Weismain, die den Bezirk Oberfranken darstellte (in Anlehnung seiner Ortskenntnisse in Bayern), zu weiteren Wahlkampfterminen verabschiedet wurde... und an ganz viele gute Gespräche bei der leckersten Wildente, die ich kenne.

Das Gespräch führte Matthias Einwag