Wenn es das perfekte Verbrechen gäbe, dann käme die Brandstiftung dem recht nahe: Denn der Brandstifter vernichtet mit seiner Tat in der Regel alle Spuren, die zu ihm führen könnten. Oder doch fast alle. Dieses "fast" führte die Kriminalpolizei in Coburg und Nürnberg jetzt auf die Spur eines Feuerteufels, der seit mindestens 2008 im nordbayerischen Raum sein Unwesen trieb. Sein Motiv war vermutlich Rache, auch wenn sich die Polizei dazu nicht im Detail äußern will.

Der Schaden, den der 59 Jahre alte Mann aus dem Landkreis Lichtenfels angerichtet hat, geht in die Millionen, und es steht noch nicht fest, ob die Liste seiner Taten bereits geschlossen werden kann.

Festgenommen

Am Donnerstag war der Tatverdächtige festgenommen worden. Das Großaufgebot an Polizei hatte in dem oberfränkischen Dorf für Wirbel gesorgt. "Wir hatten ein großes Anwesen zu durchsuchen", begründet der Chef der Kriminalpolizei in Coburg, Bernd Rebhan, den Aufwand. Im Anwesen des verheirateten Berufskraftfahrers wurden zahlreiche Beweismittel sichergestellt, darunter Utensilien, die zur Herstellung von Brandsätzen geeignet sind.

Ein solcher Brandsatz war eine der entscheidende Spuren bei der Klärung der Brandserie, die im Oktober 2008 in Mockern (Thüringen) begonnen hatte. Damals hatte ein Unbekannter auf dem Hof einer Spedition fünf Sattelzüge angezündet. Drei Jahre später hinterließ der selbe Täter beim Brandanschlag auf eine Steuerkanzlei in Burgkunstadt seinen genetischen Fingerabdruck: Die Polizei konnte DNA-Spuren des Täters auf einer Plastikflasche sichern, die, mit einer brennbaren Flüssigkeit gefüllt, am Tatort zurückblieb.

Drohungen auf der Hauswand

Drohungen, die der Täter auf die Hauswand der Kanzlei geschmiert habe, gaben weitere Hinweise auf seine Beweggründe. 2012 schlug der Täter zweimal in Nürnberg zu: Er brach in das Büro einer Speditionsfirma ein. Bei einer weiteren Spedition in Nürnberg legte der Täter Feuer, wobei er sich an einer Glasscheibe verletzte. Das letzte Puzzleteil war die Sachbeschädigung auf dem Hof einer Speditionsfirma im Nürnberger Hafen vor einigen Tagen. Zu diesem Vorfall gab es Zeugen - die Polizei konnte den Kreis der Verdächtigen weiter einengen.

Ob der 59-Jährige, der laut Rebhan die Taten bestreitet, für weitere Straftaten in Frage kommt, ist offen. "Wir stehen noch ganz am Anfang." Möglicherweise ist der Festgenommene auch für die Brandstiftung in einer Spedition in Weidnitz im Landkreis Lichtenfels verantwortlich. Dort waren im März 2013 sechs Lkw ausgebrannt.
Die Festnahme des Kraftfahrers in einem kleinen Ort im Landkreis Lichtenfels am Donnerstag durch ein großes Polizeiaufgebot setzte nur einen vorläufigen Schlusspunkt setzte unter ein vertracktes Puzzlespiel, bei dem die Experten der Polizei aus Ober- und Mittelfranken sowie Thüringen ein Musterbeispiel länderübergreifender Zusammenarbeit lieferten.

Beginn einer Serie

Im thüringischen Mockern (Landkreis Altenburger Land) musste die Polizei gut fünf Jahre auf den Fahndungserfolg warten. Der Leiter der Kriminalpolizei in Altenburg, Ulrich Zeppernick, stocherte 2008 wie später seiner fränkischen Kollegen im Nebel, als eines Nachts auf dem Gelände einer Spedition mehrere Lkw in Flammen aufgingen. Alle Indizien sprachen für Brandstiftung, doch das Feuer hatte alle Spuren vernichtet.
2012 fielen Parallelen zwischen neuen Fällen in Franken und dem erster Vorfall der offenkundigen Serie in Thüringen auf. In Burgkunstadt wurde ein Brandanschlag auf eine Steuerkanzlei verübt, in Nürnberg in eine Spedition eingebrochen und in einem anderen Firmengebäude Feuer gelegt. Neben dem genetischen Fingerabdruck, den der Täter in Burgkunstadt hinterlassen hatte, führten die schriftlichen Drohungen näher an den unbekannten Täter: Auch vor dem Feuer in Mockern hatte es einen Drohbrief gegeben, schildert Zeppernick.

Präzise Beschreibung

Nach den Fällen in Franken stiegen die Ermittler in Thüringen wieder intensiv in die Ermittlungen ein, wie die "Leipziger Volkszeitung" berichtet. Zeugen wurden befragt, die Spuren nochmals gesichtet und neu ausgewertet. Erstaunlich: Schon im Sommer 2013, als die Polizei in Franken noch keine heiße Spur des Täters hatte, lieferte der Kripo-Chef in Thüringen eine ziemlich präzise Beschreibung des Brandstifters.
Er sei wohl ein Mann, sicher nicht jung, sondern weitaus älter als 30, und aufgrund seiner Ortskenntnisse könne man davon ausgehen, "dass der Täter einst im Altenburger Land gelebt und sich entsprechend ausgekannt hat und dann in die Region um Nürnberg und Coburg verzogen ist. Oder umgekehrt", sagte Zeppernick im Juni 2013.
Seit Freitag sitzt der Tatverdächtige nun in Untersuchungshaft. Obwohl er die Taten bislang leugnet, gehen die Staatsanwaltschaft in Nürnberg und die Kriminalpolizei davon aus, dass die Beweise ihn unzweideutig überführen können. Neben Zeugenaussagen belasten den Mann sein DNA-Profil, das unzweifelhaft zu den an mehreren Tatorten gefundenen Spuren passt, und die Utensilien, die in seinem Anwesen im Landkreis Lichtenfels gefunden waren. "Dabei handelt es sich um Gegenstände und Substanzen, die zur Herstellung von Brandsätzen verwendet werden können", sagt der Leiter der Kriminalpolizei in Coburg, Bernd Rebhan.

Taten akribisch geplant

Er beschreibt, dass der Täter "akribisch geplant" hat. Die Tatorte liegen wie an einer Perlenschnur an der Strecke, die der Spediteur regelmäßig befuhr. Er stammt tatsächlich aus Thüringen, aus einer Gemeinde unweit des ersten Tatortes, und lebt seit über 20 Jahren in Oberfranken. Sein Motiv vermutet die Polizei "im persönlichen Bereich"; Informationen dieser Zeitung, wonach Rache wegen beruflicher Probleme das Motiv sein könnte, wollte die Polizei nicht kommentieren. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang.