Polen von Oberleiterbacher Energiekonzept begeistert
Autor: Redaktion
Unterleiterbach, Dienstag, 21. November 2017
Eine Delegation aus dem Osten Polens informierte sich in Oberleiterbach über die Themen Bioenergiedorf und Nahwärmenetz.
Polen erzeugt rund 85 Prozent des Stroms durch die Verbrennung von klimaschädlicher Kohle. Geht es nach der Regierung, sollte das auch tunlichst so bleiben. Doch der Kreis Powiat Hajnówski um die 22 000-Einwohner-Stadt Hajnówka im Osten von der Republik, stemmt sich dagegen. Das Ziel: ein Energie-, Klimaschutz- und Luftreinhaltekonzept mit möglichst viel Biogas, Wind und Sonne.
Eine stattliche Delegation an Zukunftsmanagern um die stellvertretende Landrätin Jadwiga Dabrowska informierte sich kürzlich über Vorzeigeprojekte im Nachbarland Deutschland. Dazu zählte auch das preisgekrönte Nahwärmenetz im 279-Seelen-Dorf Oberleiterbach.
Visionäre kontra Regierung
Eingeladen hatte die Visionäre aus Polen die heimische Energievision Franken GmbH (EVF). In Workshops wurden gemeinsam Strategien für die Potenzialermittlung für Projekte im Bereich erneuerbarer Energien entwickelt. Außerdem besichtigte man zahlreiche erfolgreiche und vorbildlich umgesetzte Projekt in der Umgebung. So eben auch das erste und einzige Bioenergiedorf des Landkreises, das mit dem Bürgerenergiepreis ausgezeichnet wurde.
Die "Väter" des Erfolgs in Oberleiterbach sind die Entwickler und Gründer der Energiegenossenschaft Oberleiterbach (EGO). Sie stellten 2009 die Weichen für das 2500 Meter lange Nahwärmenetz, das im Zuge der Dorferneuerung verlegt werden konnte. Wie EGO-Vorstandsmitglied Reiner Zapf-Willmer den polnischen Gästen erläuterte, liefere den Großteil der benötigten 850 000 Kilowattstunden Wärme der Anschlussnehmer die Biogasanlage am Ortsrand in Richtung Kleukheim, die mit nachwachsenden Rohstoffen und Gülle "gefüttert" werde. Von 105 Haushalten würden 55 Prozent von der EGO beliefert.
Anschlussnehmer sind auch Betreiber
Für Spitzenlasten im Winter oder als Schutz gegen Ausfälle wurde eine Hackschnitzel- und Pellets-Heizanlage im Ort errichtet. Die EGO sei eine bürgerschaftlich getragenen Genossenschaft, so Zapf-Willmer. Jeder Anschlussnehmer sei auch Genosse und damit Betreiber des Nahwärmenetzes. Neben dem guten Gefühl, den Ölmultis ein Schnippchen schlagen und die Umwelt nachhaltig schonen zu können, sei auch der Preis wichtig.
"Ziel der Weltklimakonferenz ist es, die Treibhausgase weltweit zu reduzieren. Das haben wir in Oberleiterbach schon selbst gemacht", sagte EGO-Vorstandsmitglied Reiner Zapf-Willmer mit Stolz. "Mit einem geschlossenen Kreislauf der Rohstoffe vor Ort und der Einsparung von rund 70 000 Litern Heizöl sowie 10 000 Kilogramm Erdgas pro Jahr leistet unser Nahwärmenetz einen Beitrag, um die Ziele des Klimaschutzes zu erreichen." Stolz sei man auch auf die regionale Wertschöpfungskette: Keiner der nachwachsenden Rohstoffe werde weiter als 15 bis 20 Kilometer transportiert.
Ein riesiges ungenutztes Potenzial
"Wir alle in Deutschland könnten noch viel mehr mit Hackschnitzeln machen ohne den Wald zu schädigen", verwies er auf eine Studie der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe, einem Projektträger des Bundesministeriums für Ernährung. "Es ist das größte ungenutzte Potenzial an regenerativen Energien." Damit sprach er den Gästen aus Polen aus der Seele: Dort, inmitten eines idyllischen Nationalparks, ist der Rohstoff Holz allgegenwärtig. Und der Naturschutz ein Herzenswunsch.
Zapf-Willmer informierte, dass es neben Biogasanlage, Hackschnitzelheizung und Nahwärmenetz in der Oberleiterbacher Flur auch eine Photovoltaikanlage mit rund 3000 Kilowatt Leistung gebe. Biogasanlage, PV-Freifläche und private Hausdächer zusammengerechnet erzeugten in der Gemarkung Oberleiterbach das Fünffache an Strom - stolze fünf Millionen Kilowattstunden - , als der Ort selbst verbraucht.
Von der Tatkraft der Bürger begeistert
Die Besucher aus Hajnówka waren begeistert von der Tatkraft der Bürger Oberleiterbachs. Dank der Fülle an Informationen und Eindrücken hatte sich die knapp 1000 Kilometer weite Reise von der polnischen Grenze zu Weißrussland bis ins bis dato ungekannte Oberfranken absolut gelohnt. Exkursionsleiterin und stellvertretende Landrätin Jadwiga Dabrowska bedankte sich mit einem Fotobuch aus ihrer Heimat für die wertvollen Einblicke.
Und für die Energiegenossen stehen schon bald die nächsten Führungen ins Haus: Mehrmals im Jahr kommen Delegationen aus China nach Oberleiterbach, um sich Ideen und Anregungen zu holen. Auch Entscheidungsträger aus Angola ließen sich schon von dem Vorzeigeprojekt begeistern.
Weitere Informationen rund um das Bioenergiedorf Oberleiterbach und die vielfältigen Aktivitäten gibt es auch im Internet unter www.oberleiterbach.de.