Druckartikel: Nur Augen für das Wasser

Nur Augen für das Wasser


Autor: Maximilian Glas

Bad Staffelstein, Freitag, 12. August 2016

Philip Herr ist Technischer Leiter bei der DLRG in Bad Staffelstein. Im FT-Gespräch räumt der Rettungsschwimmer mit Baywatch-Mythen auf.
Fotos: Maximilian Glas


Der Donnerstagnachmittag am Staffelsteiner Badesee ist ein Sinnbild der bisherigen Sommerferien: Bewölkter Himmel bei gerade mal 17 Grad im Schatten - ein Wetter, das sich nur bedingt fürs fröhliche Planschen eignet. Als sich die Sonne doch mal zeigt, trauen sich zumindest einige Kinder ins 21 Grad kalte Nass. Im Vergleich: An heißen Sommertagen am Wochenende tummeln sich zur gleichen Zeit bis zu 700 Menschen im Badesee. An solchen Tagen werden die hauptamtlichen Bademeister, die beim benachbarten "Aqua Riese" angestellt sind, von ehrenamtlichen Kräften der DLRG bei der Aufsicht unterstützt. Auch vom 25-jährigen Philip Herr, der seit Ende 2015 Technischer Leiter bei der DLRG Bad Staffelstein ist.

Herr Herr, wie kommt man als junger Mensch überhaupt dazu, sich ehrenamtlich bei der DLRG zu engagieren?
Philip Herr: Eigentlich komme ich aus einem ganz anderen Bereich. Ich war früher Kanurennsportler. Damals waren die DLRG-ler diejenigen, die uns bei den Regatten mal aus dem Wasser gezogen haben, wenn wir nicht mehr konnten. Aber ganz ehrlich, ich hätte damals niemals gedacht, dass ich mal selbst bei der DLRG lande.

Woher kam dann das Umdenken?
Aufgrund einer Verletzung an der Schulter musste ich mit dem Kanusport aufhören und wollte mir ein neues Hobby suchen. Es sollte aber irgendetwas mit Wasser sein, weil ich Wasser einfach liebe. Also habe ich mich darüber informiert, wo die nächste DLRG stationiert ist und was dort angeboten wird. So bin ich in Bad Staffelstein gelandet.

In Bad Staffelstein sind Sie für die DLRG an den Wochenenden auch als Badeaufsicht im Einsatz. Von Ufer zu Ufer sind es immerhin knapp 400 Meter, wie überblickt man das Ganze bei Hochbetrieb?
Wenn es richtig heiß ist, sind es 600 bis 700 Leute gleichzeitig im Wasser. Auch mit drei Badeaufsichten kann man nicht jede einzelne Person ständig im Blick haben. Man fängt links oder rechts an und scannt den See immer ab. Wenn man dann eine Person sieht, die ein bisschen unsicher schwimmt, schaut man da öfters hin. Ansonsten kann man nur versuchen den Überblick zu behalten. Wenn es richtig voll ist, merken die Leute aber in der Regel auch gegenseitig, wenn irgendetwas nicht stimmt.

Woran erkennen Sie, wenn Menschen in Not sind?
Im Normalfall schreien die Leute nicht "Hilfe", so wie es bei Baywatch dargestellt wird. Dafür fehlt einfach die Kraft. Wenn jemand wirklich Probleme im Wasser hat, verhält er sich komplett ruhig und geht im Zweifel einfach unter. Sobald man die Hände aus dem Wasser nehmen würde, hat man nichts mehr, um sich über Wasser zu halten. All das, was man im Fernsehen sieht, entspricht also nicht wirklich der Realität.

Wie oft kommt es zu Notfällen am Staffelsteiner Badesee?

Letztes Jahr hatte ein Kollege einen wirklichen Notfall. Ein älterer Herr lag mit dem Oberkörper flach im Wasser. Er konnte nicht mehr atmen, wir vermuten, dass er irgendetwas verschluckt hatte. Er wurde bewusstlos und musste reanimiert werden. In diesem Jahr ist mir kein größerer Badeunfall bekannt. Aber grundsätzlich gilt: Sobald wir das Gefühl haben, dass jemand Hilfe braucht, dann gehen wir lieber einmal zu viel als zu wenig ins Wasser.

Solange es keine Zwischenfälle gibt, stellen sich die meisten Menschen den Job des Bademeisters als ziemlich entspannt vor...
Ja ich weiß. (lacht) Aber das ist leider überhaupt nicht so. Selbst wenn man hier den ganzen Tag nur sitzt, ist man am Abend fertig. Man muss einfach den kompletten Tag konzentriert sein und den See im Blick haben.

Also gibt es auch kaum Kontakt zu den Badegästen?
Doch schon, die Badegäste versuchen schon oft, sich zu unterhalten oder stellen mir Fragen.

Welche Fragen müssen Sie am häufigsten beantworten?

Was DLRG eigentlich heißt, was wir denn genau machen und ob es denn nicht langweilig ist, wenn man den ganzen Tag nur hier sitzt. Für einen kurzen Plausch sind wir immer gern zu haben, aber ewig lange Gespräche lenken uns auch sehr von unserer Arbeit ab.

Fühlen Sie sich ausreichend respektiert?
Die meisten Leute sind nett, freundlich und respektieren uns auch. Zu Problemen kommt es lediglich hin und wieder im Nichtschwimmerbereich.

Inwiefern?
Kinder, die Nichtschwimmer sind, sollen auch im eingegrenzten Nichtschwimmerbereich bleiben - auch in Begleitung der Eltern. Das versuchen wir hier auch relativ streng durchzusetzen. Wenn ein Nichtschwimmer zu weit raus gerät, ist es bei einem trüben See, bei dem man nicht auf den Grund schauen kann, einfach viel zu gefährlich. Wenn wir den Eltern dann sagen, sie müssen im Nichtschwimmerbereich bleiben, sehen die das teilweise überhaupt nicht ein und fühlen sich angegriffen. Es ist ja auch eine Einschränkung der Privatsphäre, das kann ich verstehen. Aber wir wollen den Leuten nichts Böses, sondern nur vermeiden, dass es zu brenzligen Situationen kommt.

Wie kommuniziert man mit auffälligen Badegästen, die weiter weg vom Ufer sind?
Wir haben immer unsere Pfeife dabei und können auch Lautsprecherdurchsagen machen. Die Pfeife wird schon recht häufig eingesetzt.

Und was passiert, wenn die Pfeife bewusst ignoriert wird?
Dann schnappen wir uns das Rettungsbrett oder Boot, fahren zu der Person und sprechen sie direkt an. Auf eine persönliche Ansprache hat bisher jeder gehört.
Das Gespräch führte Maximilian Glas.