Es ist schon dunkel. An der Rückseite des Rathauses, über den Stufen hinunter zum Keller, brennt eine Außenlampe. Sie weist Bücherfreunden am Montagabend den Weg - vo rausgesetzt sie wissen, wo sie hin müssen. Gegen 18 Uhr trudeln die ersten ein, meist mit dem Fahrrad oder zu Fuß, manche mit einem Korb voller Bücher, manche mit zweien oder dreien in einem Beutel, manche aber auch ohne Lektüre, mit einer Brotzeit in der Tasche. Es sind Frauen und Männer, die Mehrzahl wohl jenseits der 60, die als Mitglieder des Lesezirkels zum wöchentlichen Büchertausch-Termin erscheinen.

Unten im Keller sitzt Richard Naumann schon auf seinem Platz, einen hölzernen Karteikasten vor sich auf dem Tisch. Man braucht hier keinen Mitgliedsausweis, man kennt sich. Zurückgebrachte Bücher werden auf den Tisch gelegt, welche, die man ausleihen möchte, auch.
Der Eintrag auf den Karten registriert nur, wer wie viele Bücher mitnimmt. Computer? - Fehlanzeige. Wann ein bestimmter Roman wieder verfügbar sein wird, das weiß nur derjenige, der ihn eingepackt hat.

Ausleihfristen gibt es auch nicht. Richard Naumann vertraut den Mitgliedern, und erfahrungsgemäß kommen die Bücher alle zurück. Neuerscheinungen, von denen bis zu hundert im Jahr aus den Mitgliedsbeiträgen gekauft werden, sind besonders rege im Umlauf und daher bei einem Besuch im Rathauskeller nicht prompt in den Regalen zu erblicken.

Keineswegs findet sich dort nur Altbackenes: Bestseller von Noah Gordon, Ken Follet und Stephen King stehen im Regal, mit Konsalik und Krimis der Mary Higgins Clark. Gegenüber aber auch Liebesromane älteren Datums von Hedwig Courths-Mahler, oder eine ganze Reihe Wildwestromane, wie man sie heute in kaum einer Bücherei mehr finden dürfte. Vielleicht auch deshalb haben sie hier durchaus noch ihre Nachfrage.

Sogar Harry Potter ist hier präsent, obwohl die Auswahl an Kinder- und Jugendliteratur eher dünn ist. Das liegt auch an dem, was nachgefragt wird. Ab und an bekommt der Vorsitzende eine Art Wunschzettel von Mitgliedern, womit sie ihm Anregungen für die Neubestellungen geben; vier- bis sechsmal im Jahr sorgt Richard Naumann für Lesenachschub.

In den 1950er Jahren kam er zum Lesezirkel, weil er sich immer schon sehr für Bücher interessiert hat. Beruflich war er im Handwerk tätig, aber Lesen, das war seine Freizeitbeschäftigung, und ist es noch immer. 1966 hat er den Posten des Vorsitzenden von Karl Taumann übernommen. Den bringe er nun nicht mehr an, sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Dem Verein fehlt es an Nachwuchs. Das jüngste Mitglied ist Mitte 30, ein Einzelner, das Gros im Seniorenalter. Deshalb ist auch noch keine Umstellung auf Computer erfolgt - es hat sich niemand gefunden, um das zu machen. Eine digitale Erfassung der Bücher gibt es also nicht, und auch nur eine ungefähre Ordnung, wo was steht. Man sucht eben, bis man etwas Ansprechendes findet, oder kommt beim nächsten Mal wieder.

Keine Gartenfeste mehr

Etwa zehn Leute erscheinen jeweils zum Büchertausch. "Es könnten mehr sein", meint Richard Naumann, und legt Wert auf die Feststellung: "Bücher sind auf gar keinen Fall etwas Altmodisches!" Und dann sind da ja auch noch diejenigen, die nicht wegen der Bücher kommen. Früher schon hat der Lesezirkel die Geselligkeit gepflegt, hat Gartenfeste (mit Freibier!) veranstaltet, und auch Kurzreisen. Die letzte führte vor einigen Jahren an den Lago Maggiore. Weil es immer schwieriger wurde, einen Bus vollzukriegen, gab man diese Unternehmungen auf. Die Feste hätten sich nicht mehr rentiert, heißt es, zumal die Zahl derer, die tatkräftig hätten mithelfen können, immer kleiner wurde.

Die Geselligkeit gehört aber immer noch zum Verein und zum wöchentlichen Termin. Hinter dem Raum mit den Bücherregalen liegt der gemütliche Ratskeller. Zwischen 15 und 20 Mann treffen sich dort montagabends zum Stammtisch. Es gibt einen "Mundschenk", ein Fässchen Bier, und, wie der Vereinschef betont, eine separate Kasse. Der eine oder andere hat seine Brotzeit dabei. Nach der Büchertauschzeit sitzen sie dort zusammen und unterhalten sich, zwei Stündchen vielleicht. Auch dieses Miteinander hält den Lesezirkel zusammen. pp