Wo ist das kleine Untersteinacher Männchen hin?
Autor: Redaktion
Untersteinach, Donnerstag, 19. April 2018
Im Zuge des Baues der Untersteinacher Umgehung musste der uralte "geweihte Brunnen" weichen. Und mit ihm ein mysteriöses Männchen ...
Schon vor vielen Tausend Jahren, als noch keine Menschenseele an einen Ort namens Untersteinach dachte (der 1281 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde), spendete eine kleine Quelle ihr reines Wasser den Tieren und Pflanzen ihrer Umgebung. Im Laufe der Zeit nannten die Altvorderen diese kleine Wasserschüttung den "geweihten Brunnen".
"Do unt'n gitt's imm"
Das Wissen um die Entstehung dieser Namensgebung freilich ging verloren. Aber der Volksglaube hatte eine Sage um diese relativ warm aus der Erde rinnende Quelle gesponnen, die auch im tiefsten Winter nicht zufror. Die alten, noch im Aberglauben verhafteten Einwohner raunten sich geheimnisvoll zu: "Do unt'n gitt's imm!" Was bedeutete, dass dort unten ein Geist umherging, der seiner Erlösung harrte. Die Sage gibt leider keinen Aufschluss darüber, weshalb und von wem diesem Männchen ein so ausweglos erscheinendes Schicksal aufgebürdet wurde.
In Elisabeth Gleichmanns rund 100 Jahre alter Sammlung oberfränkischer Volkssagen "Von Geistern umwittert" steht die Sage vom "geweihten Brunnen" abgedruckt. Diese möchten wir heute den Lesern weitergeben:
Ein kleines, graues Männchen
"Auf dem Wege von Kauerndorf nach Untersteinach befindet sich kurz vor dem Ortseingang von Untersteinach, am Fuße des Eichberges rechts der Straße in einer Mulde, der geweihte Brunnen. Das Wasser desselben fließt in die Schwarze Schorgast.
Dem Wanderer erscheint eine Strecke vorher, von jetzt auf gleich, ein graues Männchen, um ihn zu begleiten und dann beim Vorübergehen im geweihten Brunnen" zu verschwinden. Oder das graue Männchen entsteigt dem Brunnen, um mit dem Wanderer ein Stück des Weges zu gehen und dann plötzlich wieder zu verschwinden.
Das graue Männchen wartet bei seinen Begleitungen auf ein Segenswort eines von Sünden ganz freien Menschen, um dadurch seine Erlösung zu finden."
Fischteich gespeist
Bis in den Sommer 2017 hinein speiste das Wasser der Untersteinacher Quelle einen kleinen Fischteich der Familie Werner Geyer, die in der Kulmbacher Straße wohnt. Im Zuge des Baues der Umgehungsstraße musste das uralte Idyll jedoch weichen. Überhaupt sind mit dem Straßenbauprojekt, der in vollem Gange ist, tiefgreifende Veränderungen verbunden. Große Maschinen und Baucontainer bestimmen das Bild. Vom "geweihten Brunnen" indes ist nichts mehr zu sehen. Seine Quellschüttung wurde in große, aufrecht im Boden stehende Betonrohre gefasst.
Das Wasser wurde von dort aus mit tief unter dem Schotter liegenden Kunststoffrohren weiter in sein altes Bett geleitet.
Und wo ist das sagenumwobene kleine graue Männchen geblieben, das schon Jahrhunderte dort umherirrte und auf Erlösung wartete? Nun, da sein "geweihter Brunnen" dem Fortschritt weichen musste und es somit keine Heimstatt mehr sein Eigen nennen konnte, will man nur hoffen, dass eine gütige Vorsehung sich seiner armen Seele erbarmt hat, um es auf eine andere Art zu erlösen und ihm den ewigen Frieden zu schenken.
Könnte das kleine graue Männchen sich mit einem kleinen Streich von seiner angestammten Umgebung verabschiedet haben und den Planern der Brücke eine zu geringe Höhe für die Eisenbahn Durchfahrt eingeflüstert haben? Wer weiß, möglich wäre es schon.
Gastautor aus Untersteinach
Dieser Beitrag zu unserer Reihe stammt von Dieter Geyer aus Untersteinach. Erich und Marcus Olbrich sind ihm dankbar, "dass er unser Bemühen unterstützt, historisch und volksgeschichtlich Wissenswertes nicht verloren gehen zu lassen. In der nächsten Folge geht es um einen alte Wegweiser für Zeit und Strecke.