Wenn der Krieg ins Klassenzimmer kommt
Autor: Ursula Prawitz
Kulmbach, Mittwoch, 04. Mai 2022
Der russische Angriff auf die Ukraine wirft auch bei Kindern viele Fragen auf. So gehen die Schulen in Kulmbach mit dem Thema um.
In der Ukraine herrscht Krieg. Menschen flüchten, Menschen versuchen zu helfen. Auch hierzulande müssen viele lernen, mit der Situation umzugehen. Vor allem an Kindern und Jugendlichen ziehen die schlimmen Szenen und die damit verbundene Furcht nicht spurlos vorbei. Es liegt nun auch an den Schulen, die Kinder zu begleiten und aufzufangen.
Kreative Herangehensweise
Am Caspar-Vischer-Gymnasium (CVG) wurde ein extra Raum für Rückzugsmöglichkeiten geschaffen, ein sogenannter Friedens(t)raum, der für jeden zugänglich ist. Dort können Schüler an der "Wand der Hoffnung" Zettel mit Wünschen und Gedanken hinterlassen. "Wir haben uns insbesondere in der Unterstufe kreativ der Thematik genähert. Jede Klasse gestaltet ein Banner mit Friedenssymbolen", erklärt Kunstlehrer Andreas Schobert. Im Unterricht werde der Krieg ebenfalls thematisiert. "Dabei ist nicht nur die Ukraine im Fokus unserer Gespräche, denn so viele Menschen auf der Welt leiden unter Gewalt und Terror", ergänzt Schulleiterin Ulrike Endres. Daher habe man sich auch bewusst dafür entschieden, eine allgemeine Friedensfahne zu hissen, ohne Bezug auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. "Die Schüler erhalten auch Sachinformationen. Das Hintergrundwissen ist wichtig, um die Geschehnisse einordnen zu können."
Die Schülermitverantwortung (SMV) des CVG ist ebenfalls aktiv geworden und verkaufte unlängst freitags in den Pausen Kuchen an Schüler und Lehrkräfte, um für bedürftige Ukrainer zu spenden. "Der Ansturm war groß", berichtet Schülervertreter Leopold Zapf. "Viele wollten backen und helfen. Wir haben dann an verschiedenen Orten auf dem Schulgelände verkauft." Die Klassensprecher seien mit der Idee auf die SMV zugekommen.
Kurze Einkehr in der Pause
An der Carl-von-Linde-Realschule wurde der Kriegsausbruch laut stellvertretendem Schulleiter Markus Popp in den Klassen thematisiert. "Wir haben an der Schule aktuell keine Turnhalle mehr, weil dort vorübergehend ukrainische Flüchtlinge Unterschlupf finden. Das bekommen die Schüler natürlich mit." Für die seelische Betreuung findet immer montags, mittwochs und freitags in der Pause eine kurze Einkehr statt, organisiert durch den Religionslehrer Thomas Hahner. "Wir singen zwei Friedenslieder, sprechen ein Gebet und Fürbitten", erklärt er. Das werde gut von den Schülern angenommen. "Die Hilfsbereitschaft ist groß", sagt Markus Popp.
Die Mittelschule Mainleus hat ihren Lehrkräften Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt, etwa von der Zentrale für politische Bildung. "Wir behandeln das Thema altersgemäß und versuchen, die emotionale Seite zu beleuchten", erklärt Schulleiterin Doris Hörath. An der Schule gebe es auch viele russischstämmige Schüler, und man wolle eine Blockbildung vermeiden. "Der Fokus liegt auf Empathie und Betroffenheit, wir verfolgen einen ethischen und keinen politischen Ansatz."
Dass bei vielen Schülern mit Blick auf das Kriegsgeschehen Gesprächsbedarf besteht, bestätigt Birgit Schneider. Sie ist Schulsozialpädagogin am Caspar-Vischer-Gymnasium und ist täglich mit Fragen und Sorgen der Kinder und Jugendlichen konfrontiert. "Es läuft nicht einfach normal weiter. Insbesondere jüngere Schüler haben viele Fragen." Sie hätten Angst davor, was passiere, wenn es noch schlimmer werde. "Ihnen wurde von den Erwachsenen immer beigebracht, dass man Konflikte gewaltfrei löst, und jetzt sind sie verunsichert", sagt Birgit Schneider.
Gemeinsame Aktivitäten wichtig
Eine Fünftklässlerin habe sie gefragt: "Wozu Leben auf der Erde, wenn wir es kaputt machen?" - da sei man erst einmal sprachlos. Insbesondere nach der Coronakrise müsse man als Lehrkraft viel auffangen, "manche Kinder brauchen mehr Unterstützung im sozialen Miteinander, die Isolation hat einiges mit den Kindern gemacht". Wichtig seien jetzt gemeinschaftliche Aktivitäten, die den Zusammenhalt stärken: "Alle sollen zusammen etwas Schönes machen." Man wolle so den Geist fördern: Alle können miteinander leben.