Am Dienstag vor einer Woche kam die gute Nachricht aus Berlin - der Tunnel für die Umgehung von Kauerndorf wird finanziert. Knapp 48 Millionen Euro sollen dafür ausgegeben werden.

Dem Jubel der Betroffenen in Kauerndorf und der Politiker aller Ebenen stand relativ rasch Kritik gegenüber - die Frage, ob wirklich so viel Geld für ein Verkehrsprojekt ausgegeben werden sollten, wurde am Stammtisch und in den sozialen Medien diskutiert.

Wir haben vier Rechnungen aufgemacht, die zeigen, welche Projekte man mit einer solchen Summe auch finanzieren könnte - und wägen das Für und Wider nochmals ab.

18 neue Kindertagesstätten
Rund 2,62 Millionen Euro kostet der neue Paul-Gerhardt-Kindergarten in Weiher, der im Herbst eröffnet wird. Die Kita der Kirchengemeinde Mangersreuth ist mit ihrem besonderen Betreuungskonzept etwas teurer als der Durchschnitt. Mit 48 Millionen Euro kann man 18 Kindergärten dieser Ausstattung finanzieren. Setzt man auf die einfachere Modulbauweise, die in der Blaich gewählt wurde, reicht das Geld sogar für 24 Kitas.

1372 Altenpfleger
Für 48 000 000 Euro könnte man knapp 1372 Altenpfleger ein Jahr lang beschäftigen - bei einem typischen Einstiegsgehalt von 35 000 Euro inklusive Sozialleistungen. Auf Lebenszeit berechnet könnten sich 34 Altenpfleger 40 Jahre lang um Senioren kümmern.

160 Wohnhäuser
Wie teuer der bau eines Eigenheims ist, hängt von den Ansprüchen der Bauherren und der Lage des Grundstücks ab. Als Richtwert für ein durchschnittliches Einfamilienhaus werden 2000 Euro Baukosten pro Quadratmeter Wohnfläche gerechnet. Das wären bei 150 Quadratmetern Wohnfläche 300 000 Euro. Für 48 Millionen Euro könnte man ein ganzes Dorf neu bauen: 160 Wohnhäuser.

433 Porsche
Sicher nicht überlebenswichtig, dennoch eine Art Männertraum seit Generationen - der Porsche. Das Luxusfahrzeug kann sich der Normalverdiener ohne Lottogewinn in aller Regel nicht leisten. Der Porsche 911 Carrera Cabriolet käme jedenfalls auf schlappe 111 004 Euro. Mit der Summe könnte man sich eine stolze Flotte, nämlich knapp 433 solcher Fahrzeuge, kaufen.

Pro-Kommentar
von Alexander Müller


Am 19. Dezember 2006 hat das Staatliche Bauamt seine Planungen für die Umgehung vorgelegt - seitdem hätte jeder wissen können, dass ein Tunnel dazu gehört und hätte sich dagegen wenden können. Jetzt, mehr als zehn Jahre später, folgt nur noch die Finanzierung - die Weichen dafür waren längst gestellt. Insofern kann man jedem Kritiker entgegenhalten, dass er schlicht ein Jahrzehnt zu spät kommt.

Die Menschen in Kauerndorf (und Untersteinach) haben seit Jahrzehnten Dreck, Gestank und Lärm ausgehalten. Wer jetzt sagt, man hätte sie doch viel kostengünstiger "umsiedeln" können, argumentiert fast schon zynisch. Wer nicht aus seinem Heim, seiner Heimat vertrieben werden soll, tut sich allzu leicht mit solchen Alternativen.

Ohne Zweifel sind rund 48 Millionen Euro sehr viel Geld - und oben stehen nur vier Beispiele, was sich damit alles anderes anfangen ließe.

Ich allerdings tue mich immer ein wenig schwer mit der Argumentation, wenn im Zusammenhang mit dem Lindern von Leid für Menschen die betriebswirtschaftliche Schiene belastet wird. Und "verschwendet" wird das Geld sicher nicht, denn es wird in die sinnvolle Entlastung einer Ortsdurchfahrt investiert - in keinen Protzbau und in kein Luxusgut.

Natürlich bleiben die Argumente des Naturschutzes, die man nicht einfach vom Tisch wischen kann. Beim Bau der Umgehung wird viel Landschaft zerstört, werden Tiere ihrer angestammten Lebensräume beraubt, wird Boden zuasphaltiert.

Aber es gibt für die Betroffenen keine Alternative - insofern muss man an die Straßenbauer appellieren, das Projekt so vorsichtig und umweltschonend wie möglich anzugehen.


Kontra-Kommentar
von Dagmar Besand


Nein, ich will den Kauerndorfern nicht die Freude über ihren ersehnten Tunnel verderben! Unmittelbar an der vielbefahrenen B 289 zu wohnen, ist kein Spaß. Die Anwohner leiden seit Jahrzehnten unter dem Lärm, dem Dreck, dem Gestank. Sie wollen, dass das aufhört, und sie haben ein Recht darauf, dass ihnen geholfen wird. Ich wünsche und gönne jedem von ihnen mehr Lebensqualität!

Trotzdem macht mir die Entscheidung für das Mega-Bauprojekt Bauchschmerzen. 48 Millionen Euro sind ein gewaltiger Preis, den die Gemeinschaft der Steuerzahler für den Frieden einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Betroffenen bezahlt - Geld, das für andere wichtige Aufgaben nicht nur Verfügung steht. Schließlich kann auch der Staat jeden Euro nur einmal ausgeben.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Straßenbau der einzige Bereich ist, bei dem Kosten keine Rolle spielen. Geht es um soziale, kulturelle oder ökologische Wünsche, heißt es dagegen meist, dafür sei kein Geld da.
Dazu kommt: Mit dem Bau der Tunnel-Umgehung sind gewaltige Eingriffe in die Natur verbunden. Unsere Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, alle Verkehrsprobleme mit Asphalt und Beton zu lösen. Andere Denkansätze werden schnell als unrealistisch verworfen. Melkendorf, Untersteinach, Stadtsteinach und jetzt also noch Kauerndorf: Wie sieht unsere Landschaft aus, wenn das alles fertig ist?

Man hätte den leidgeprüften Kauerndorfern sicher auch anders helfen können - und das viel früher! Jedem Betroffenen ein neues Haus abseits der Straße zu schenken, würde den Steuerzahler nur einen Bruchteil der für den Tunnel nötigen Investitionen kosten.