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Von der Bank ins Altenheim: "Ich habe meine Berufung gefunden"


Autor: Stefanie Gleixner

Thurnau, Mittwoch, 08. August 2018

Nach 25 Jahren bei der Sparkasse hat Petra Eschenbacher einen Neustart gewagt. Jetzt ist sie Altenpflegerin mit Einser-Examen.
Petra Eschenbacher hat mit 45 Jahren zur Altenpflegerin umgeschult. Unser Bild zeigt (von links) den Leiter des Seniorendorfes Kirschenallee in  Thurnau, Matthias Hoderlein, Petra Eschenbacher und Marliese Küfner, die Leiterin des Pflegedienstes. Foto: Stefanie Gleixner


"Ich habe zum 25-jährigen Dienstjubiläum die Kündigung bei meinem Chef abgegeben. Dieser Tag hat einiges verändert", sagt Petra Eschenbacher. Die 47-Jährige steht mitten im Leben und hatte einen strukturierten, geregelten Alltag. 2015 entschied sie sich, einen neuen Weg einzuschlagen. Weg von Büro, E-Mail-Fluten und einem Arbeitstag von 8 Uhr bis in die Abendstunden. "Ich wollte meiner Seele etwas Gutes tun, indem ich für alte Menschen da bin. Wenn ich jetzt von der Arbeit nach Hause gehe, habe ich das Gefühl, im Kleinen etwas Großes getan zu haben."


25 Jahre lang in der Sparkasse

25 Jahre arbeitete Petra Eschenbacher unter anderem als Personalassistenz im Vorstand der Sparkasse in Kulmbach. "Ich bin jeden Tag gerne dorthin gegangen und weiß auch, dass ich jederzeit zurückkommen könnte, wenn ich wollte", sagt sie und man merkt ihr an, dass sie wirklich Freude an ihrer Arbeit hatte.
Dann wurde der Wunsch groß, noch einmal etwas ganz Neues zu probieren. Ihre erste und einzige Bewerbung schickte sie ins AWO-Seniorendorf Kirschenallee nach Thurnau. Dort war man begeistert von der Frau und ihrer Bewerbung. "Sie war so außergewöhnlich und berührend und ist sofort hängen geblieben. Petra ist ein Glücksfall für uns", sagt Matthias Hoderlein, Chef des Seniorendorfs.
Und sie selbst sieht sich auch im Glück, diesen Weg eingeschlagen zu haben: "Meine Familie, mein Mann und meine zwei Kinder, standen die ganze Zeit hinter mir. Aber am Ende habe ich sie schon genervt mit meiner vielen Lernerei."
Der Ehrgeiz zahlte sich aus. Mit einer Examensnote von 1,3 ließ sie alle jüngeren Mitschüler hinter sich, obwohl ihre Schulzeit schon um einiges länger zurücklag als die der jungen Leute. Eine Umstellung, die sie besonders am Anfang deutlich merkte. Sie musste lernen, sich innerhalb der Klasse nicht als eine Mutter zu fühlen und die jüngeren Auszubildenden ihre Erfahrungen machen lassen. Dennoch war sie immer Teil der Klasse, gründete eine Whatsapp-Lerngruppe und teilte dort ihr gesamtes Lernwissen mit den anderen: "Ich habe den gesamten Stoff aufgesprochen und als Sprachnachricht weitergeschickt. Mit der Gruppe zu teilen ist wichtiger, als alleine zu sein."
"Die praktische Ausbildung im Seniorendorf war vorbildlich, ich war sofort integriert und konnte ständig neues dazulernen im normalen Arbeitsalltag. Über die drei Jahre lernte ich alle Bereiche kennen und wurde immer gut betreut", erinnert sich Petra Eschenbacher.


Alltagsbegleiter und Seelentröster

In sieben Wohngruppen mit zehn bis zwölf Bewohnern teilt sich das Seniorendorf auf, dadurch bleibt genug Zeit für die Betreuung der einzelnen Bewohner. "Ich kann hier individuell entscheiden, wie ich den Vormittag oder Nachmittag gestalte und meine Kreativität miteinbringen. Ich bin nun Alltagsbegleiter, Unterhalter, Seelentröster und manchmal auch Sterbebegleiter. Und ich habe einen Beruf bei dem ich keine Angst haben muss, dass er einmal wegfällt", sagt die sympathische Frau.
In der Tat ist der Bedarf an Altenpflegekräften groß. Heimleiter Matthias Hoderlein registriert seit langem einen Mangel an Nachwuchs. "Im September beginnt nur ein neuer Azubi bei uns. Auch für Leute, die bereits mitten im Leben stehen, ist es immer möglich, einzusteigen."
Ihr Fall sei im übrigen kein Einzelfall. Eine Auszubildende, die jetzt ins zweite Jahr kommt, ist ebenfalls Quereinsteigerin. Sie arbeitete zuvor bei der Reinigungsfirma des Seniorendorfs und sprach Petra Eschenbacher bei der Arbeit an: "Sie wollte wissen, wie die Arbeit ist, und ob es für sie auch etwas wäre."
Petra Eschenbacher konnte sie überzeugen und möchte noch viel mehr Leute davon überzeugen. Die Senioren sind dankbar über jeden Altenpfleger und in Petra Eschenbachers Fall besonders stolz: "Manchmal kann ich hören, wie sie erzählen, dass sie jetzt eine Frau haben, die bei der Bank gearbeitet hat und jetzt nur für sie da ist. Da weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe und ich würde es immer wieder so machen."


Was sagt das Rote Kreuz?
Petra Eschenbacher hat ihre Ausbildung an der BRK-Fachschule für Altenpflege in Bayreuth absolviert. Wir haben bei Tobias Schif, dem Pressesprecher des BRK Bayreuth, nachgefragt, wie es auf dem Arbeitsmarkt für Altenpflegekräfte aussieht.


Wie stark merken Sie als Berufsfachschule für Altenpflege den Fachkräftemangel?
Es hat ein spürbarer Rückgang der Schülerzahlen stattgefunden. Bei der einjährigen Ausbildung zum Pflegefachhelfer hat sich die Schülerzahl halbiert. Die Anzahl der Klassen ist aber noch gleich. Wir haben zwei Klassen in der dreijährigen Ausbildung zum Altenpfleger und eine Klasse für Fachhelfer.

Welche Maßnahmen kann man dagegen ergreifen?
Der Beruf des Altenpflegers hat ein Imageproblem und muss deshalb attraktiv gestaltet werden. Die Mitarbeiter in der Altenpflege sollten mehr Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten. Ihr Wissen, das sie in der Ausbildung vermittelt bekommen, dürfen sie nicht selbstständig einsetzen. Es muss mehr dokumentiert werden als im Krankenhaus, was viel Zeit in Anspruch nimmt.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Der demografische Wandel ist seit langer Zeit absehbar und man hätte früher reagieren müssen. Eine Überalterung der Bevölkerung führt zu mehr Menschen, die gepflegt werden müssen. Die Maßnahmen, die von der Regierung angesprochen wurden, sind ein Anfang. Es müssen Nägel mit Köpfen gemacht werden.