Vom Wanderkino zum Multiplex
Autor: Wolfgang Schoberth
Kulmbach, Freitag, 08. April 2022
Kulmbach hatte einst eine blühende Kinolandschaft. Bernhard Kriest hat jetzt eine Dokumentation veröffentlicht - mit überraschenden Einblicken.
Dass Bernhard Kriest ein leidenschaftlicher Kinomensch ist, spürt man sofort. Er erzählt, wie ihn Kinobesuche in den 1950er Jahren fasziniert haben: die besondere Atmosphäre der alten "Lichtspieltheater" und die spannungsvolle Dramaturgie der Vorführung mit den anfänglichen Werbe-Dias, der Wochenschau, dem Kulturfilm - bis endlich der Gong dreimal schlug, das Saallicht erlosch und sich der rote Vorhang für den Hauptfilm teilte. In seiner Begeisterung für Cineastisches hat sich der Rechtspfleger 1957 zum ehrenamtlichen Filmvorführer ausbilden lassen. Kriest hat jetzt ein Buch veröffentlicht, das die Kulmbacher Kinogeschichte nachzeichnet - von der Stummfilmzeit bis zur Gegenwart, kenntnisreich und akribisch recherchiert, reich mit Fotos und illustrierten Filmprogrammen garniert.
Powerfrau mischt auf
Die Geschichte beginnt mit Wanderkinos auf Jahrmärkten, die mit ihren bewegten Bildern die Zuschauer angelockt haben. Im Juni 1900 zum Beispiel führt ein Schausteller auf dem Schützenhausplatz Filmaufnahmen vom Burenkrieg vor. In die Stadt zieht das Kinozeitalter wenig später ein. Für eine Kleinstadt wie Kulmbach sensationell früh, wie Kriest durch Vergleiche herausgefunden hat. Zu verdanken ist das einer Powerfrau, die 1909 von Sangerhausen nach Kulmbach kommt: Selma Weise, eine Witwe mit vier Kindern.
Forsch mietet sie den Saal im Hotel zum "Goldenen Hirschen" (Langgasse 12) an und stellt den Antrag, ein "Kinematographen-Theater" eröffnen zu dürfen. Das genehmigt die Stadt - mit erkennbarer Skepsis gegenüber dem modernen Medium. Selma Weise nennt ihr Kino "Central-Lichtspiele". Ihr 20-jähriger Sohn Albert bringt als "Operateur" die Bilder per Handkurbel zum Laufen. Den Ton, meist quäkend verzerrte Musik, muss er parallel abspielen. Der erste Tonfilm läuft erst 1931 in Kulmbach.
Die ersten Aufnahmen
Anfänglich sind es nur kurze Sequenzen, die aufeinanderfolgen - etwa zwei Züge, die aufeinander zurasen oder Alltagsszenen aus fernen Ländern. Doch Albert ist damit nicht zufrieden. Er richtet die modernste Technik ein: Edisons "Kinetophon", einen Projektor, der über einen großen Schalltrichter den mechanisch aufgezeichneten Ton synchron zum Film abspielt. Zudem experimentiert Weise mit eigenen Filmen. 1910 hat sein erster Streifen Premiere, der in bewegten Bildern die Mechanik der Kulmbacher Spinnerei mit ihren Klopf-, Krempel- und Zwirnmaschinen zeigt. Schon ein Jahr später präsentiert er seine nächste Eigenproduktion: "Rodelsport am Weiherer Berg".
Es folgt ein Zusammenschnitt des Fußballturniers, zu dem die Stadt eingeladen hat. Der Ansturm auf die 350 Plätze ist stets enorm. Oft ist der Saal überfüllt, die Besucher stehen in Gängen, es ist ein Kommen und Gehen.
Es fehlen die Aborte
Ein Problem stellen Kinder und Jugendliche dar: Zwar besteht die Auflage, dass sie nur Einlass mit der Genehmigung der Schulbehörde erhalten sollen, doch bei polizeilichen Kontrollen fallen Verstöße auf.