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Mainleus
Schule

Sonderweg für fleißige Spätzünder

SchuleDie Jugendlichen, die in der Klasse 9 V1 an der Mittelschule Mainleus die Schulbank drücken, könnten bereits in einer Ausbildung stehen - den Quali haben sie gut gemeistert. Doch ihr Ziel ist die Mittlere Reife.
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Der Unterricht erfolgt auf High-Tech-Niveau: Die Klasse wurde mit einer digitalen Tafel ausgestattet.Sonny Adam
Der Unterricht erfolgt auf High-Tech-Niveau: Die Klasse wurde mit einer digitalen Tafel ausgestattet.Sonny Adam
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Wenn Gloria Bignamini (17) an ihre Zukunft denkt, dann sieht sie sich in 10 000 Metern Höhe, über den Wolken schweben - in einer dunkelblauen Uniform. "Ich möchte gerne Flugbegleiterin werden, vielleicht bei einer der großen Fluggesellschaften", sagt die 17-Jährige. Das Problem ist jedoch der Schulabschluss. Zwar hat Bignamini ihren Quali gut gemeistert, doch als Voraussetzung für den Job der Flugbegleiterin wird Mittlere Reife empfohlen. Und deshalb möchte sie büffeln und diesen Abschluss ablegen.

Genau so geht es Tasnim Alhammad (16). Alhammad floh vor vier Jahren über das Meer aus Syrien nach Deutschland. Nicht alleine, sondern mit ihrer ganzen Familie. "Am Anfang habe ich gar nichts verstanden. Jetzt wird es langsam. besser, ich habe ein Ziel", sagt die 16-Jährige. Sie hat ein Praktikum in einer Kulmbacher Apotheke gemacht und möchte unbedingt pharmazeutisch-technische Assistentin werden. "Ich war schon beim Tag der offenen Tür an der PTA-Schule, habe ich dort umgeschaut und erkundigt. Ich muss Mittlere Reife haben - deshalb bin ich hier", erklärt die Syrerin. Auch Alhammad ist fest entschlossen für ihren Traum zu kämpfen und zu büffeln.

Und durch dieses Zusatz-Jahr haben sie mehr Zeit dafür. Auf dem Stundenplan stehen fünf Stunden Mathe, fünf Stunden Deutsch und fünf Stunden Englisch sowie fünf Intensivierungs- und Übungsstunden. Das sind 20 Stunden für prüfungsrelevante Kernfächer - und es wird nach dem Klassenlehrerprinzip unterrichtet.

Dass die beiden Mädchen und noch weitere 17 andere Schüler die Chance haben, nach dem Quali innerhalb von zwei Jahren die Mittlere Reife zu erreichen, verdanken sie Schulrat Michael Hack und der Schulleitung der Mainleuser Schule. Sie haben an einem Strang gezogen. "Ich kenne 9+2 noch als Modellversuch vom Landkreis Forchheim und habe dieses Modell von Anfang an gut gefunden", sagt Hack. Aus diesem Grund hat der Schulrat die Bemühung der Mainleuser Schule, ihr Profil zu stärken, von Anfang an unterstützt. "9+2 ist ein ganz neuer Bildungsweg - ich bin froh, dass ihr euch darauf eingelassen habt", erklärte die Rektorin der Mainleuser Schule, Doris Hörath. Hörath ist sicher, dass das ein Zukunftskonzept sein wird.

Inzwischen haben die motivierten Schüler zehn Wochen lang die Schulbank gedrückt und sind begeistert. Als Klassenleiter fungiert Bernd Fritsch. "Diese Möglichkeit, innerhalb von zwei Jahren die Mittlere Reife nachzuholen, ist für alle, die ein bisschen länger brauchen eine gute Sache. Wir haben einfach mehr Zeit", sagt Bernd Fritsch.

Digitale Tafel und Handys

Als Bonbon und als Extra-Lernanreiz ist das Klassenzimmer digital auf dem neuesten Stand: Unterricht mit einer smarten digitalen Tafel, freies WLAN und sogar Handys kommen zum Einsatz. "Wir haben mehr Zeit. Wir können mit Spaß lernen und die Schüler wollen alle", sagt der Klassenleiter.

Besonders viel Wert legt Fritsch auf Projekte. So hat diese besondere Klasse schon eine Klassenfahrt hinter sich, ein Weihnachtsprojekt mit der Grundschule mit dem schönen Titel "Teenies for Bambinis" und ein Sportprojekt für die Pause sind in Planung. "Die Schüler, die eigentlich schon nicht mehr an der Mittelschule sein müssten, sind eine echte Bereicherung für die Schule", so Fritsch.

Emre Gecer (16) hat sich ebenfalls für diesen Bildungsweg entschieden. "Ich war in der Grundschule nicht gut. Mir hat die Schule keinen Spaß gemacht, ich habe nichts gemacht. Eigentlich habe ich erst in der neunten Klasse angefangen zu lernen", gibt er offen zu. Gecer ist ein typischer Spätzünder, der im klassischen Bildungsweg die Chance auf einen Mittleren Abschluss verpasst hätte. "Aber ich möchte jetzt die Mittlere Reife, vielleicht gehe ich ja dann auch noch weiter - vielleicht auf die FOS", sagt er. Der Abschluss ist der in der Realschule abgelegten Mittleren Reife völlig gleichgestellt. Sogar ein Übertritt in die Einführungsklasse eines Gymnasiums wäre anschließend noch möglich.

Die Schüler der neuen 9+2-Klasse kommen übrigens nicht nur aus Mainleus und Umgebung, sondern aus dem gesamten Landkreis. Kathleen Schott (15) muss jeden Tag von Mannsflur nach Mainleus. "Ich muss um zehn vor sieben Uhr aus dem Haus, aber das ist alles kein Problem", sagt sie selbst. Dass dies kein Problem ist, dafür hat Romina Eichner vom Markt Mainleus gesorgt. Denn sie hat einen Shuttle-Service für die Schüler dieser Klasse ins Leben gerufen. "Bei uns in Mainleus fängt die Schule schon um 7.50 Uhr an. Die Schüler könnten nicht mit den Bussen kommen", sagt sie. Kurzerhand sammelt ein Sonderbus alle am Zentralen Busbahnhof auf und bringt sie pünktlich nach Mainleus. Die Schüler kommen aus Thurnau, Stadtsteinach, Kasendorf, Kupferberg, Mannsflur, Kulmbach, Untersteinach, Neuenmarkt und Wirsberg.

Zugangsvoraussetzungen für 9+2 ist übrigens ein Quali mit einem Notendurchschnitt, der besser als 2,5 ist oder einer Empfehlung durch die Lehrerkonferenz.

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