Kulmbacher Happening mit einer königlichen Hoheit
Autor: Wolfgang Schoberth
Kulmbach, Donnerstag, 04. August 2016
Vor 119 Jahren fand in Kulmbach das "Deutsche akademische Turnbundfest" statt. 600 Studenten und Tausende Zuschauer bevölkern die Stadt.
Es ist eines der größten Feste überhaupt, das Kulmbach vor dem Ersten Weltkrieg erlebt hat. 600 Korpsstudenten aus sämtlichen deutschen Universitätsstädten, aus Österreich und der Schweiz treffen sich vom 5. bis 9. August 1897 zum Akademischen Turnbundfest.
Die kleine Bierstadt mit ihren damals gerade mal 8200 Einwohnern platzt aus allen Nähten. Doch die Gastfreundschaft der Kulmbacher ist umwerfend: Wer nicht in den Gasthöfen unterkommt, wird privat aufgenommen, zur Not findet er Quartier in den eingerichteten Schlafsälen der Brauereien.
Triumphaler Empfang
Als die Teilnehmer am Donnerstag, dem 5. 1#googleAds#100x100 August, ankommen, erwartet sie, wie es einer von ihnen beschreibt, eine "Via triumphalis". An der Bahnhofsstraße durchschreiten sie zunächst eine blumengeschmückte Ehrenpforte und tauchen danach in ein Meer von weiß-blauen (Königreich Bayern) und schwarz-weiß-roten Flaggen (deutscher Nationalstaat).
In den Wirtschaften der Innenstadt geht es gleich hoch her. Im "fidelen Lärm" wird begrüßt, gescherzt, patriotisches Liedgut gegrölt. Vor allem aber wird kräftig gebechert. Nicht wenige Jungen haut beim Bier-Komment das starke Kulmbacher um. "Es war wohl gutdass am Freitag nicht geturnt werden brauchte, andernfalls hätte man wohl viele nicht turnen sehen", so hält ein Seniorphilister aus Marburg fest.
Am Samstag früh geht es dann mit den Wettkämpfen los: Kunstturnen, Leichtathletik, Faustballkämpfe, dazu schmissige Märsche des 7. Infantrie-Regiments Prinz Leopold aus Bayreuth Genutzt werden die Turnhalle der Königlichen Realschule (1893 eingeweiht) und das benachbarte Sportgelände.
Rehberg als Amphitheater
Der Kulmbacher Turnverein mit seinen über 200 Aktiven hat Reck, Barren und Pferd zur Verfügung gestellt. Der stark abfallende Nordhang des Rehbergs ist wie geschaffen für die Hunderte von Zuschauern. Wie in einem Amphitheater können sie das Geschehen verfolgen.
Am frühen Nachmittag dann werden die Wettkämpfe unterbrochen für den Höhepunkt des Tages: die Ankunft Ihrer Königlichen Hoheit Prinz Rupprecht von Bayern am Bahnhof. Der 28-jährige drahtige, sportlich durchtrainierte, weltläufige und kunstinteressierte Wittelsbacher ist der Schwarm nicht nur der Jugend. Jeder, der laufen kann, möchte dabei sein.
Quartier im Kressenstein
Tausende stehen an der Bahnhofsstraße und am Kressenstein Spalier: Equipagen mit glänzenden Zylinderhüten, Chargierte mit Fahnen, Schulkinder mit Blumensträußchen.
Die Kulmbacher Obrigkeit mit Bürgermeister Wilhelm Flessa an der Spitze steht bereit, um den hohen Gast in der Majors-Uniform des Infantrie-Leibregiments willkommen zu heißen.
Quartier nimmt er wie schon sein Vater Ludwig von Bayern (ab 1913 König Ludwig III. von Bayern) fünf Jahre zuvor in der Villa des EKU-Brauereidirektors Michael Täffner am Kressenstein 17.
Prinz Rupprecht kennt während seiner Besuchstage in Kulmbach keine Berührungsscheu: Er ist beim festlichen Kommers der Studenten am Samstagabend auf dem Marktplatz dabei und mischt sich im schummrigen Licht der Gaskandelaber unter die Leute, quetscht sich an Biertischen, Schank- und Würstchenbuden. vorbei.
Ein grandioser Erfolg für die Stadt
Am Sonntag dann marschiert er an der Spitze des Festzugs, der durch die Innenstadt zum Turnplatz der Königlichen Realschule führt. Es ist ein malerisches Bild: Hunderte Chargierte im Vollwichs, die Rektoren vieler Universitäten im schwarzen Talar, Kulmbachs Honoratioren in Amtstracht, die Bürgerschaft im Sonntagsstaat. Am Straßenrand junge Frauen, die den Männern Blumen zuwerfen. Dazu bunt geschmückte Festwägen der Vereine und Zünfte. Nach Abschluss der Wettkämpfe zeichnet Rupprecht als Schirmherr des Treffens die Sieger aus.
Für die Stadt ist das Sportfest ein grandioser Erfolg. "Der Name Kulmbachs wird in den Annalen des Akademischen Turnbundes für immer einen Ehrenplatz behaupten. Die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Bevölkerung ist bei der studentischen Jugend ganz Deutschlands unvergänglich", heißt es in einem öffentlichen Dankesschreiben.