Für dumm verkauft
Autor: Nützel
Kulmbach, Dienstag, 08. März 2022
Was der Krieg und QVC verbindet.
Manchmal liegt die Abstrusität dieser Welt nur einen Knopfdruck entfernt. Diese Erkenntnis verdanke ich dem neu gestarteten Sendersuchlauf an meinem Fernsehgerät. Der wollte es, dass sich nun in der Programmreihenfolge hinter zwei von mir oft genutzten Nachrichtensendern die sogenannten Verkaufskanäle anschließen. War mir so gar nicht bewusst
gewesen. Beim Zappen wollte ich von einem Info-Kanal zum nächsten hüpfen, um mich auf den jüngsten Stand des Putinschen Krieges zu bringen, verdrückte mich aber und landete plötzlich bei QVC. Schock!
Man muss sich das vorstellen: Eben noch das Bild eines alten Ukrainers, der gepeinigt von Angst seine letzten Habseligkeiten in einem Einkaufswagen durch eine zerschossene Straße in Charkiw schiebt - und dann buchstäblich das Kontrastprogramm, das mir entgegen schrillte wie die Sirene beim Fliegeralarm: "Sehen Sie nur, meine Damen, dieses geschmeidige Oberteil ist das Must-Have für das Frühjahr, achten Sie auf diesen Farbverlauf am Bündchen. Und der hohe Lycra-Anteil stretcht jedes Bäuchlein weg, gell Marlene? Huch, keine Zeit zum Plauschen, Süße. Leute, Achtung, der Counter zeigt: noch 83 Stück vorrätig. Jetzt aber ran, der Best-Preis wankt!"
Ich wurde zweier Frauen ansichtig, die an zwei anderen Frauen in Pullis (darum ging es wohl) herumnestelten. Alle grinsten, als seien sie grade beim eigenen Schwangerschaftstest mit "mangelhaft" durchgefallen, schürzten die Lippen, drehten sich um die eigene Achse, grinsten wieder, bevor ihnen die Gesichtszüge im Smiley-Modus erstarrten.
Das muss es sein: das echte Leben in der Überflussgesellschaft. Wenn die Anhäufung von Tand signalisiert, dass man es bei uns geschafft hat. Habe in Notwehr gehandelt und QVC & Co. gelöscht. Aber nur, weil man den Irrsinn nicht (mehr) sieht, ist er ja trotzdem noch da. Das haben Verkaufssendungen und der Krieg im Osten leider miteinander gemein.