Experte: Alkohol ist schädlicher als Glyphosat - sind Pflanzenschutzmittel besser als ihr Ruf?
Autor: Stephan Herbert Fuchs
Kulmbach, Samstag, 30. November 2019
Am Artenschwund sind nicht nur Pflanzenschutzmittel schuld, sagt ein Landwirtschaftsexperte des Bundesinstituts für Risikobewertung.
Artensterben und Klimawandel - viele Verbraucher geben den Bauern dafür die Schuld. Meistens geschieht dies aus Unwissenheit. Alle wollen mitreden, doch die genauen Hintergründe kennen nur die wenigsten. Deshalb hatten der Ring junger Landwirte Kulmbach und der Verband für landwirtschaftliche Fachbildung mit Jens Schuberth einen Spezialisten eingeladen.
Artenschwund durch zunehmenden Flächenverbrauch und Monokulturen
Schuberth ist bei dem 2002 gegründeten und zum Geschäftsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums gehörenden Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) tätig, das unter anderem Ministerien berät, wenn es um die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln geht. Das Berliner Institut mit seinen rund 1000 Mitarbeitern erstellt weisungsunabhängig Risikobewertungen, allerdings nicht nur für Pestizide, sondern auch für E-Zigaretten, Shishas und alle möglichen Chemikalien.
"Pflanzenschutzmittel sind nicht alleine verantwortlich für den Artenschwund", sagte der Wissenschaftler. Auch der zunehmende Flächenverbrauch oder die Anlage von Monokulturen hauptsächlich im Norden Deutschlands gehörten zu den Verursachern.
Experte: "Grenzwerte für Glyphosat reichen aus" - Kontrovers diskutiertes Thema
In der Gemeinschaftsveranstaltung ging es hauptsächlich um das überaus kontrovers diskutierte Thema Glyphosat. Anhand des mittlerweile seit acht Jahren andauernden Verfahrens machte Schuberth deutlich, mit welchem immensen Aufwand seine Behörde arbeitet. 2011 sei die Neubewertung gestartet worden, es folgten Kommentierungsphasen der einzelnen EU-Staaten, Expertenrunden auf nationaler und internationaler Ebene sowie neue Bewertungen aufgrund des großen öffentlichen Drucks und immer wieder neuer, teils widersprüchlicher Studien. Erst 2017 konnte die Genehmigung erneuert werden, aber nur für fünf Jahre bis zum 15. Dezember 2022 und nicht wie üblich für 15 Jahre.
Auch wenn der endgültige Glyphosat-Ausstieg durch das Bundeslandwirtschaftsministerium für 2023 bereits beschlossen ist, blieb der Fachmann bei seiner Einschätzung, dass der geltende Grenzwert von 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag bei der Aufnahme durch den Menschen ungefährlich und deshalb völlig ausreichend sei.
Wissenschaftler: Alkohol wesentlich gefährlicher als Glyphosat
Schubert meinte, dass Glyphosat-Rückstände im Bier durchaus nachvollziehbar seien, da die Anwendung im Getreide ja auch zugelassen ist. Allerdings in so geringer Menge, "dass man unglaubliche 1000 Liter Bier pro Tag trinken müsste, um die festgelegten Grenzwerte zu übersteigen". Während aber über die Rückstände im Gerstensaft leidenschaftlich diskutiert werde, sei das Thema Gesundheitsgefahren durch Alkohol kaum mehr Gegenstand öffentlicher Diskussionen, kritisierte er.