Himmelangst wurde es dem Angeklagten vor dem Amtsgericht Kulmbach nicht, dazu hatte er zu viel Erfahrung mitgebracht. Aber ihm war es nicht ganz geheuer, dass er anstatt einer Richterin gleich noch zwei Beisitzer sah und anstatt eines Staatsanwalts gleich zwei Anklagevertreter Platz genommen hatten. Doch Richterin Sieglinde Tettmann klärte alle Anwesenden auf, dass es sich um Jurastudenten bzw. Referendare der Staatsanwaltschaft handelte.

Beim Angeklagten hielt die anfängliche Zurückhaltung nicht lange an. Immer wieder musste die Vorsitzende seinen Redeschwall bremsen und ihn zur Ruhe ermahnen, wenn er unaufgefordert dazwischen redete.

Fenster und Tür eingeschlagen

Der arbeitslose 51-jährige Kulmbacher hatte sich im März einen unrühmlichen Auftritt bei Freunden in deren Wohnung am Festungsberg geleistet.
Laut Anklageschrift war er durch ein Fenster in die Küche gesprungen, hatte dort einen Nachbarn und die Wohnungsinhaberin angegriffen und verletzt. Außerdem hatte er ihnen angedroht, sie umzubringen. Die Geschädigten flüchteten daraufhin in die Wohnung des Nachbarn und schlossen sich ein. Der betrunkene 51-Jährige versuchte, die Türe mit Gewalt zu öffnen und schlug dabei mit der Faust eine Scheibe in der Wohnungstür ein.

Inzwischen hatten die Verfolgten die Polizei gerufen. Der 51-Jährige wollte sich aus dem Staub machen, lief aber auf der Treppe vor dem Haus den Polizeibeamten in die Arme. Während einer der Beamten in Rufweite die Zeugen befragte, schlug der Mann ohne Vorankündigung auf den zweiten Polizisten ein. Die beiden gingen zu Boden, wobei sich der Ordnungshüter am Knie verletzte. Mit Hilfe seines Kollegen konnte er den Täter schließlich fesseln. Übelste Beschimpfungen mussten sich die Polizisten anhören.

Die Blutentnahme bei dem 51-Jährigen ergab stolze 2,50 Promille. Dabei bescheinigte der untersuchende Arzt dem Mann "leicht unter Alkoholeinfluss zu stehen". Der verletzte Beamte war mehrere Tage dienstunfähig.

Der ganze Vorfall hatte Strafanzeigen wegen Körperverletzungen, Beleidigungen, Widerstand und Bedrohung zur Folge. Bereits einige Tage nach dem Vorfall nahmen die beiden Verletzten jedoch ihre Strafanträge zurück und wollten ihre Aussagen revidieren. Es war wohl der erste Schock über den Vorfall verflogen, und es schob sich die Tatsache in den Vordergrund, dass man mit dem Täter seit Jahrzehnten befreundet ist.

Eine viertägige Sauforgie

Dem Gericht wollten die drei zunächst eine abgespeckte Version des Abends anbieten, gaben dann aber nach eingehender Befragung durch Richterin Tettmann, die wahre Engelsgeduld bewies, zu, dass sich alles genau so abgespielt habe wie es in der Anklageschrift stehe. Der Beschuldigte, der von Rechtsanwalt Johannes Driendl aus Bayreuth verteidigt wurde, räumte ein, vor der Tat mit einer vier Tage dauernden Sauforgie seinen Geburtstag gefeiert zu haben. Einer der Polizeibeamten kam zu dem Schluss, dass wohl Eifersucht das Motiv für das unglaubliche Handeln gewesen sei.

Aufgrund seiner Vorstrafen (11 Verurteilungen) kam keine Geldstrafe mehr für den Angeklagten in Frage. Richterin Sieglinde Tettmann verurteilte ihn zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten und 160 Arbeitsstunden.