Die Pandemie brachte für viele Menschen große Veränderungen, manchmal auch positive. Stefan Wanzek beispielsweise fand seinen Traumjob hier in der Region, brach in seiner sächsischen Heimat alle Zelte ab und begann einen völlig neuen Lebensabschnitt - eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut.

Auf der Hebebühne steht ein dunkelgrüner Ford Mustang GTA aus dem Jahr 1967. Das amerikanische "Muscle-Car" glänzt, als wäre es gerade erst vom Band gelaufen. Karosseriebauer Stefan Wanzek beugt sich über die offene Motorhaube und inspiziert das Innenleben. Er ist mit dem Ergebnis zufrieden. Monatelang haben er und seine Kollegen an dem Fahrzeug gearbeitet und den Wert für den Eigentümer mehr als verdoppelt. Die Oldtimer-Werkstatt Exmotors in Altenkunstadt (vorher Thurnau) ist spezialisiert darauf, alte Autos wieder salonfähig zu machen. "Oldtimer haben Charakter. Jedes Auto ist eine Herausforderung", erklärt der 36-Jährige. Ein Faible für Fahrzeuge habe er schon immer gehabt. Begonnen hat das mit Mountainbikes und Downhill-Fahrrädern.

Bis er 18 Jahre alt war, besuchte er ein Internat in Schottland. Kurz vor dem Abschluss brach er die Schule ab, kehrte in die Heimat nach Sachsen zurück und nahm einen Ferienjob an bei einem Spielplatzbauer im Freizeitpark Kulturinsel Einsiedel. Sein Ziel war es, Geld anzusparen für ein neues Rad. Aus dem Ferienjob wurden elf Jahre.

Für seinen Arbeitgeber, der für kreative Spielplatzbauten international bekannt war, bereiste Stefan ganz Westeuropa - von Italien und England bis nach Portugal. Er holte seine Mittlere Reife nach und arbeitete sich zum Projektleiter hoch. Doch die Firma meldete Insolvenz an - und Stefan musste sich beruflich umorientieren.

Interesse an Autos gewachsen

Während dieser Zeit war sein Interesse an alten Autos gewachsen. In seiner Freizeit restaurierte er unter anderem einen 1989er Trabant 601, einen 1996er BMW E34 und ein 1993er Golf Cabrio.

Eine Ausbildung zum Karosseriebauer war naheliegend, brachte sie doch mehr Fähigkeiten für das Hobby. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete Stefan nach der Lehrzeit in einer herkömmlichen Werkstatt für Karosseriebau und Lackierung. Schon bald packte ihn wieder die Reiselust.

Mit einer 1976er Simson Star fuhr er vor drei Jahren zur britischen Insel Isle of Man, um sich eines der ältesten und gefährlichstem Motorradrennen der Welt anzusehen, das "Isle of Man Classic TT". Das gefiel ihm so gut, dass er für 2020 geplant hatte, sich mit einem größeren Motorrad, einer Yamaha X650, erneut auf eine Auslandsreise zu begeben. Doch Corona machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er suchte nach Alternativen und stieß auf die Deutschland-Rallye (die Reiseberichte zur Isle of Man und zur Deutschland Rallye kann man nachlesen unter facebook.com/igsonderurlaub).

Innerhalb einer Woche reisten die Teilnehmer 3000 Kilometer quer durch die Bundesrepublik, von der Ostseeküste über den Spreewald bis zum Fichtelgebirge und in den Schwarzwald. Der Veranstalter hatte als Tagesziel den Raum Kulmbach empfohlen. Exmotors-Inhaber Benjamin Küttner, der mit Freunden ebenfalls an der Rallye teilnahm, lud die Fahrer in seine Werkstatt nach Thurnau ein. Stefan war sofort begeistert vom Rock'n'Roll-Ambiente, der Dekoration im Stil der amerikanischen 1950er und 60er Jahre und natürlich von den Fahrzeugen. Bei Bratwürsten und Bier, sagte er zum Spaß: "Hier ist es schön, hier bleibe ich." Zu seiner Überraschung nahm ihn Benjamin Küttner beim Wort: "Das kannst du machen, Aufträge haben wir genug." Danach ging es schnell.

Einen Monat nach der Rallye, im November 2020, kam Stefan zum Probearbeiten nach Thurnau. Arbeitsbeginn war für April geplant. Innerhalb weniger Monate brach Stefan in seiner Heimat alle Zelte ab. Einen Großteil seiner Sachen verkaufte er, den Rest lagerte er ein. Zunächst nahm er nur das mit, was in seinen VW-Caddy mit Anhänger passte. Er suchte sich eine neue Wohnung in Wonsees und holte später seine weiteren Autos und Motorräder nach. Das weit verbreitete Vorurteil, dass man mit den Franken nur sehr langsam warm wird, kann er nicht bestätigen: "Ich habe bisher nur freundliche, positive Menschen getroffen."

In Oberfranken fühle er sich wohl, schließlich sei man in Sachen Humor auf der gleichen Wellenlänge. Stefan war bereits vor seinem Umzug ein Fan der fränkischen Fun-Metal-Band J.B.O., die für ihre humorvollen Coverlieder bekannt ist. Auch die Fränkische Schweiz und ihre Felslandschaft haben es ihm angetan. Im Sommer ist er dort gerne mit seinem Golf Cabrio unterwegs: "Die Fränkische ist ein Spaßgebiet für jeden, der Kurven liebt."

Den neuen Arbeitsplatz genießt der Karosseriebauer sehr. Besonders zu schätzen weiß er den engen Kontakt zu den Kunden, die die gleiche Wertschätzung für alte Autos aufbringen wie er. Langweilig wird es ihm so schnell nicht werden, denn das Geschäft mit den "Classic Cars" und "Hot Rods" boomt.

Exmotors (www.exmotors.de) vergrößert sich. Inhaber Benjamin Küttner hat neue Geschäftsräume in Altenkunstadt angemietet. Bis Ostern sollen auch sie das typische Oldtimer-Flair verströmen. Die drei Mitarbeiter haben also alle Hände voll zu tun.

Serie

Erstmals seit 2015 hat der Landkreis im vergangenen Jahr wieder Einwohner gewonnen. Wir nehmen das zum Anlass und stellen in einer losen Serie Menschen vor, die hierher gezogen sind.