Vier Kleidergrößen in drei Jahren
Autor: Cindy Dötschel
Kronach, Freitag, 20. Dezember 2019
Helena war eine leidenschaftliche Fußballerin. Wegen einer Fettverteilungsstörung kann sie heute nicht mehr schmerzfrei rennen.
Helena* hält Strumpfhosen aus einem dicken, unnachgiebigen Stoff in der Hand. "Wenn ich sie trage, ist es angenehmer, ich habe keine Schmerzen mehr, weil alles zusammengepresst wird", sagt sie und fährt über die Noppen am Bund. Mit der Pubertät habe alles angefangen. Ihre Beine wurden immer dicker. Dann kamen blaue Flecken dazu. Und Schmerzen. Durch Zufall kommt sie mit einer Kollegin ins Gespräch, die die gleichen Beschwerden hat. Im Februar lässt sie sich schließlich in der Coburger Venenklinik untersuchen. Diagnose: Lipödem.
Beine passen nicht
"Der Arzt hat sich meine Beine angeschaut und Verhärtungen festgestellt", erinnert sich Helena. Durch die Fettverteilungsstörung hat sie 15 Kilo zugenommen. Mittlerweile wiegt sie 75 Kilo, bei einer Größe von 1,60 Meter. "Mein Körper ist nicht darauf ausgelegt." Dabei hat sie selbst nicht das Gefühl, dicker als früher zu sein.Wenn sie Fotos macht, fragt sich Helena oft, ob das auf den Bildern wirklich sie ist: "Bei Ganzkörperfotos schneide ich immer den unteren Teil weg, weil ich meinen unteren Teil nicht mag." Seit Helena denken kann, hat sie Fußball gespielt. "Im Moment kann ich kaum noch rennen oder sprinten", sagt die 22-Jährige. Traurigkeit klingt in ihrer Stimme mit. Die meisten Schmerzen habe sie dort, wo der Po in den Rücken übergeht. "Es fühlt sich an, wie ein dunkelblauer Fleck, der nicht weggeht." Am Training kann sie momentan nicht teilnehmen. Und das ist nicht die einzige Einschränkung, mit der sie zu kämpfen hat. Im Sommer brach sie das Sightseeing in Hamburg wegen ihrer schmerzenden Beine ab. Beim Urlaub in Ägypten wurde der Weg zum Meer durch die Hotelanlage zum Problem. "In Badeklamotten scheuern meine Oberschenkel aneinander. Am zweiten Tag bin ich nur noch bis zum Pool gelaufen."
Lymphdrainage entspannt
Im Nachhinein hat sie bereits vor drei Jahren gemerkt, dass etwas nicht stimmt. "Ich hatte im Oktober einen Rock in Größe 36 gekauft, im Dezember hat er nicht mehr gepasst." Die Schmerzen und die Wassereinlagerungen hielten sich damals in Grenzen. Heute trägt Helena Größe 44. "Meine Taille ist wesentlich schmaler, aber die Beine brauchen den Platz."
Mit der Diagnose im Februar erhält Helena zwei Rezepte. Eines für Flachstrickstrumpfhosen und eines für Lymphdrainage. "Die Behandlung ist entspannend, danach fühlen sich die Beine dünner an." Mit einem Rezept hat Helena Anspruch auf sechs Behandlungen pro Quartal, die sie innerhalb von zwei Wochen in Anspruch nimmt. "Eigentlich bräuchte man die Anwendungen jede Woche."
Auch die Flachstrickstrumpfhosen lindern die Schmerzen nur vorübergehend. "Die Strumpfhose arbeitet für einen, durch die Noppen wird das eingelagerte Wasser nach oben gedrückt." Helena versucht, die Strumpfhose mindestens alle zwei Tage zu tragen. Doch das Anziehen ist mühsam, sogar Handschuhe sind notwendig. "Ich brauche mindestens fünf Minuten bis sie gut sitzt", beschreibt Helena den Vorgang, der für sie mittlerweile zur Routine geworden ist. Mit den Strumpfhosen fühlt sie sich schön, ihre Beine wirken dünner.
Letzter Ausweg: Liposuktion
Weg geht das überschüssige Fettgewebe, trotz Lymphdrainage und Flachstrickstrumpfhosen nicht. Deshalb hat sie sich für eine Operation, die sogenannte Liposuktion entschieden. Der erste von drei Termin ist im Januar. "Noch besteht kein Risiko, dass sich durch die Fettabsaugung Hautlappen bilden", sagt Helena. Ihr Lipödem befindet sich derzeit im zweiten von vier Stadien. Die Kosten in der Höhe von rund 14 000 Euro für alle drei Operationen übernimmt die Krankenkasse erst ab dem dritten Stadium. "So lange möchte ich nicht warten."
*Name von der Redaktion geändert