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Schulamtsdirektorin: "Lehrer müssen die Welt der Schüler noch verstehen können"


Autor: Marian Hamacher

Kronach, Mittwoch, 23. Mai 2018

Im Interview erklärt Kronachs neue Schulamtsdirektorin Gisela Rohde unter anderem, welche Themen in den kommenden Monaten wichtig werden.
Am 15. Februar übernahm die 52-jährige Gisela Rohde die Nachfolge des langjährigen Kronacher Schulamtsdirektors Uwe Dörfer. Foto: Marian Hamacher


Eine schönere Aussicht gibt es wohl kaum: Malerisch baut sich die Obere Stadt vor den Fenstern des Büros von Gisela Rohde im Kronacher Landratsamt auf. "Genießen konnte ich den Blick aber bisher noch gar nicht, weil noch die Baugerüste davor standen", sagt Kronachs neue Schulamtsdirektorin gut gelaunt. Am 15. Februar übernahm die 52-jährige Lichtenfelserin die Nachfolge von Uwe Dörfer.

Ein Schüler kennt für gewöhnlich seine direkten Lehrer und einen Schulleiter. Den Schulamtsdirektor aber wohl nicht. Wie würden Sie einem Grundschüler ihren Job erklären?
Gisela Rohde: Klar, viele wissen mit dem Begriff "Schulamt" wenig anzufangen. Wenn ich eine Klasse besuche, frage ich die Schüler immer, wer denn für sie als Klasse verantwortlich ist. Da wissen dann alle gleich, dass das die Aufgabe des Klassenlehrers ist. Und dass der Schulleiter für alle Klassen einer Schule, die Lehrer und die Eltern verantwortlich ist, wissen sie auch. Dann sage ich: "Es gibt noch eine Behörde, die für alle Schulen verantwortlich ist. Das ist das Schulamt. Ich bin also für alle Grund- und alle Mittelschulen, alle Lehrer, alle Eltern und alle Schüler verantwortlich. Daher gehe ich ab und zu auch an die Schulen und schaue, dass es denen gut geht." So verstehen das in der Regel eigentlich alle ganz gut.

Nach knapp 20 Jahren als Lehrerin stehen sie seit 2012 nicht mehr täglich vor einer Klasse. Wie leicht fiel da die Umstellung?
Man ist gar nicht so weit weg vom Geschehen, wie man es sich vielleicht denkt. Denn ein Schulamt ist nicht nur eine Verwaltung. Die gehört zwar auch dazu und ist ein großer Bereich, aber dieser Bereich ist auch ein äußerst kommunikativer. Man hat auch dort sehr viel mit Menschen zu tun. Aber ja: In den ersten Wochen und Monaten ist es schon ein Umdenken. Die Struktur, wie ein Schuljahr abläuft, ist einfach im Kopf und plötzlich sieht man das Ganze aus einer anderen Perspektive und hat nicht mehr das junge Leben um sich herum, wie man es noch in der Schule hat. Trotzdem ist man mitten im Geschehen. Dadurch, dass wir wie bei Lehrproben regelmäßig an Schulen sind, sehen wir, wie es läuft: wie die Unterrichtsentwicklung in der Praxis umgesetzt wird und wie die Schüler sich entwickeln. So hat man dann wieder hautnah Schüler vor sich.

Gab es einen speziellen Grund, der Sie in die Schulaufsicht gezogen hat?
Zu Beginn meines Studiums habe ich mir gewünscht, Kinder und Jugendliche zu unterrichten, zu erziehen. Das war mein Traumberuf und diesen Schritt habe ich auch nie bereut. Aber wenn man kein Anfänger mehr ist, hat man nach ein paar Jahren bestimmte Routinen. Ich habe dann versucht, in andere Jahrgangsstufen zu gehen, um ein größeres Spektrum zu bekommen, Erfahrungen zu sammeln, etwas zu bewirken. Als Klassenlehrer kann ich schon unheimlich viel direkt in meiner Klasse bewirken. Aber als Rektor oder in der Schulaufsicht in einem viel größeren Rahmen.

Was für ein Amt haben Sie in Kronach vorgefunden?
Das ist hier ja bereits mein viertes Schulamt und ich habe aus den drei anderen meine Erfahrung mitgebracht. Jedes Schulamt funktioniert anders. Kronach hat die Eigenheit, dass es ein kleines Schulamt mit einer recht großen Fläche ist. Das heißt, die Schulen sind stellenweise schon recht weit voneinander entfernt. Ich habe festgestellt, dass hier im Vergleich sehr viele Ganztagesklassen angeboten werden - was ich sehr gut finde. Es gibt viele kleine Schulen, die sich erhalten, indem sie jahrgangskombiniert unterrichten. Das ist hier gehäufter als an meinen bisherigen Wirkungsstätten. Die Kooperation ist auch gerade im Bereich der Mittelschule etwas schwieriger. Nämlich dann, wenn die Schüler Wahlpflichtfächer haben und man Lehrerstunden für vier, fünf Schüler benötigt. Da könnte man dann zwei Gruppen zusammenfassen, aber das ist aufgrund der weiten Fahrwege leider oft nicht umsetzbar.

Wo kann man da ansetzen?
Die Rahmenbedingungen will ich gar nicht so negativ sehen, weil wir sie gar nicht ändern können. Aber die Menschen, die unter diesen Rahmenbedingungen arbeiten, gehen höchst professionell damit um und zeigen großes Engagement. Da läuft schon sehr viel. Ich bin ja noch nicht so lange hier, aber mein Eindruck ist, dass ich hier Schulgemeinschaften - also Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern und Schüler - vorfinde, die sich vor Ort sehr engagiert einsetzen. Schwerpunkte, die ich hier wahrgenommen habe, sind das jahrgangskombinierte Unterrichten in der flexiblen Eingangsstufe (Die erste und zweite Klasse wird gemeinsam unterrichtet./Anmerkung der Redaktion). Das halte ich nicht nur für sehr wichtig, sondern möchte es auch gerne behalten beziehungsweise vorantreiben. Außerdem sehe ich hier auch Schulen, die das Profil Inklusion haben. Das gehört auch zu meinen Schwerpunkten. Hierfür würde ich gerne weitere Schulen gewinnen, fördern und unterstützen.

Was dürften denn die wichtigsten Aufgaben werden, die in Kronach auf Sie zukommen?
Neben der Förderung der Inklusion und des jahrgangskombinierten Unterrichtens sind das die digitale Bildung und der LehrplanPLUS. In der Grundschule ist der neue Lehrplan ja schon vor vier Jahren eingeführt worden, nun sind in diesem Schuljahr erstmals die fünften Klassen aller weiterführenden Schularten von Mittelschule bis zum Gymnasium betroffen. Und im nächsten Jahr ist es dann die sechste Klasse. Das geht jetzt sukzessive Jahr für Jahr weiter. Das beschäftigt uns alle sehr.

Wie sieht das dann im Einzelnen aus?
Die Lehrkräfte der Mittelschulen haben bereits Fortbildungen erhalten. Dann galt es, sich an den Schulen zusammenzusetzen und zu überlegen, wie der Lehrplan gemeinschaftlich umgesetzt werden kann. Ein neuer Punkt ist für die Mittelschulen dabei das Lernentwicklungsgespräch als Alternative zum Zwischenzeugnis in der fünften Klasse. Das wurde zu Beginn der Einführung des Grundschullehrplans zum Teil noch kritisch gesehen, aber ich muss sagen: In allen Schulämtern, in denen ich war, wird das Lernentwicklungsgespräch sehr gut angenommen. Sowohl von den Lehrern als auch von den Schülern und Eltern. Es ist ein sehr wertschätzender Umgang, jemandem mitzuteilen, wo er gerade steht, was er schon kann und wo er noch hingucken sollte. Einige Lehrer haben mir erzählt, dass die Schüler hinterher ganz anders auf sie zukommen, weil sie plötzlich ein Gesprächspartner auf Augenhöhe sind.

Sie haben auch die digitale Bildung angesprochen. Wo sehen Sie dort Handlungsbedarf?
Die Entwicklung geht ja rasend schnell weiter. Daher darf es nicht sein, dass die Schüler irgendwann einen so großen Wissensvorsprung gegenüber ihren Lehrern haben, dass die Lehrer die Welt ihrer Schüler nicht mehr verstehen. Daher müssen wir da ran. Ein Beispiel ist etwa der Umgang im Internet. Wie schnell finden Schüler dort etwas bei einer Recherche, können dies aber nicht einordnen? Gerade in Zeiten von Fake-News ist das wichtig. Dieser kritische Umgang mit Medien muss mit gelehrt und auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden.

Sollte es also bald das Schulfach "Internet" geben?
Dafür brauchen wir kein eigenes Fach, das müsste in jedes Fach integriert werden.

Sie haben schon einige Stationen hinter sich. Wird Kronach nur eine Durchgangsstation oder sind sie gekommen, um zu bleiben?
Ich bin jetzt dabei, hier anzukommen und erlaube mir da erst mal keine weiteren Gedanken. Ich freue mich, hier zu sein und hätte mich auch nicht auf diese Stelle beworben, wenn ich an Kronach keine angenehmen Erinnerungen gehabt hätte. Meine Anfangszeit an der Lucas-Cranach-Schule und auch später in Steinwiesen waren mit meine schönsten Jahre als Lehrerin. Diese Zusammenarbeit, die ich damals hier wahrgenommen habe, dass sich Schulleitungen von sich aus zusammensetzen, um sich einem Thema zu nähern, habe ich auch jetzt wieder bei meinen ersten Ortsterminen wahrgenommen. Das finde ich ganz klasse und schätze es am Schulamtsbezirk sehr. Daher fühle ich mich auch nach wenigen Wochen schon sehr wohl hier.


Wenn sich der Kreis in Kronach wieder schließt


Es fühle sich so an, als ob sich ein Kreis schließt, erzählt Kronachs neue Schulamtsdirektorin Gisela Rohde. Denn die 52-Jährige, die am 15. Februar ihr neues Amt antrat, ist nicht zum ersten Mal im Kreis Kronach tätig. Nach dem Grundschullehramtsstudium in Bamberg absolvierte Rohde das Referendariat in ihrem Heimatlandkreis Lichtenfels sowie an der Lucas-Cranach-Schule in Kronach. "Meine erste Planstelle als Lehrerin hatte ich dann in der Schule in Nurn, die es leider nicht mehr gibt", erinnert sie sich.

Nach Stationen als Konrektorin an der Oskar-Schramm-Volksschule Itzgrund (2002) und Rektorin der Johann-Gemmer-Grund-und-Mittelschule in Ahorn (2004) verabschiedete sich Rohde 2012 als Direktorin der Grundschule Lichtenfels am Markt (ab 2006) von der Arbeit im Klassenzimmer und schlug eine behördliche Laufbahn ein.
Als Schulrätin und Stellvertreterin des fachlichen Leiters im Staatlichen Schulamt Lichtenfels war Rohde auch an die Staatlichen Schulämter im Landkreis und in der Stadt Coburg teilabgeordnet und kam auch anschließend gut in Oberfranken herum. Denn im März 2017 folgte die Versetzung als Schulamtsdirektorin an die Staatlichen Schulämter in Bamberg. "Das ist das größte Schulamt in Oberfranken, so dass ich nun die Arbeit in kleinen, mittleren und großen Schulämtern kenne", erklärt sie. Das Kronacher Schulamt sei nämlich von der Größe her mit dem in Lichtenfels zu vergleichen.