Feierabend. Die Füße liegen auf dem Sofa-Hocker, der Laptop auf dem Schoß. Nur noch einmal rasch bei Facebook vorbeischauen, was es Neues gibt. Ein kleines rotes Rechteck auf dem Freunde-Symbol kündigt an: Es gibt eine Freundschaftsanfrage - soweit nichts Besonderes. Schließlich werden auf dem sozialen Netzwerk innerhalb von nur 60 Sekunden weltweit rund 100 000 solcher Anfragen verschickt.

Interessant wird dieses Beispiel dennoch. Wegen der vorkommenden Personen. Denn den Laptop hat ein Lehrer auf dem Schoß, die Anfrage kommt von einem Schüler. Nun stellt sich die Frage: Annehmen oder lieber nicht? Lange muss Verena Zeuß nicht überlegen, um auf dieses Gedankenspiel eine Antwort zu finden. "Wenn Freundschaftsanfragen von Schülern kommen, nehme ich die nicht an", sagt die 30-Jährige. "Erst nach dem Abitur."
Seit vier Jahren unterrichtet sie Deutsch, Geschichte und Sozialkunde am Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium (KZG). "Es ist tatsächlich so, dass gerade Schüler zwischen der sechsten und achten Klasse in der Schule fragen, ob ich auf Facebook bin", sagt Zeuß. "Bei den Älteren nimmt es eher ab."

Mit ihrer ablehnenden Haltung bei Facebook-Freundschaftsanfragen dürfte das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus ziemlich zufrieden sein. Im April 2013 verschickte es an die Schulen einen "Leitfaden für die Beschäftigten der Bayerischen Staatsverwaltung zum Umgang mit Sozialen Medien sowie weitere Hinweise für die schulische Praxis", der ein solches Verhalten nahelegt.

Angesichts enger datenschutzrechtlicher Grenzen seien soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter "für den Austausch dienstlicher Daten nicht geeignet", heißt es darin unter anderem. Auch ein Auftritt der Schule in beziehungsweise eine Verknüpfung zu diesen Netzwerken sei rechtlich problematisch und habe daher zu unterbleiben.


"Bin sehr vorsichtig"

Informationen sollen stattdessen in einem schulinternen, passwortgeschützten Bereich erfolgen. Für die Kommunikation mit den Schülern steht daher das offizielle Online-Portal "Mebis" zur Verfügung.

"Das nutze ich zum Teil. Es ist jedoch auch etwas umständlich und kann einen Messenger nicht ersetzen", erklärt Andreas Engel, der ebenfalls am KZG unterrichtet.

Er besitze zwar einen Facebook-Account, füttere ihn aus Datenschutz-Gründen aber nur äußerst wenig mit Daten - und das auch nur für private Kontakte. "Man muss sich immer auch bewusst sein, dass man hier als Lehrkraft unter Beobachtung, auch von Schülern steht", sagt der 53-Jährige. "Genau deswegen bin ich hier sehr vorsichtig."

Das bayerische Kultusministerium verbietet den Kontakt mit Schülern auf sozialen Netzwerken zwar nicht ausdrücklich, doch zwischen den Zeilen klingt es genau so. Aufgrund der besonderen Breitenwirkung sei ein "defensiver Umgang mit Angeboten sozialer Netzwerke empfohlen", heißt es. Ein verantwortungsvoller Umgang schütze "sowohl vor dienst-, beziehungsweise arbeitsrechtlichen als auch privatrechtlichen Problemstellungen". Beim "zufälligen privaten Kontakt mit Schülerinnen und Schülern in sozialen Netzwerken", sollten sich Lehrer bewusst sein, dass keine "Distanzverletzungen" erfolgen dürfen.

Als Lehrer müsse man im Umgang mit Freundschaftsanfragen mit einem gewissen Fingerspitzengefühl vorgehen, meint Frank Müller. "Wenn ein Abiturient eine Anfrage schickt, ist das natürlich anders zu bewerten, als die eines Fünftklässlers", sagt der 43-jährige Kronacher, der am Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg Biologie und Chemie unterrichtet. Zwar könne es sinnvoll sein, für eine Klassenfahrt Anfragen anzunehmen, die Kontakte müssten dann nach der Reise aber wieder gelöscht werden. "Wichtig ist dabei, dass niemand aus der Klasse bevorteilt wird", sagt Müller. Ein Schüler soll es nicht als Privileg empfinden können, mit dem Lehrer "befreundet" zu sein.

In Neustadt gebe es die Vorgabe, Informationen allein schon aus dem Grund nicht über soziale Netzwerke zu übermitteln, weil nicht sichergestellt werden kann, dass diese auch wirklich jeden Schüler erreichen.


Eigene Projekte

Den Start ins Berufsleben hat Verena Zeuß zum Anlass genommen, ihr Facobook-Profil noch einmal zu überarbeiten und die Privatsphäre-Einstellungen anzupassen - was die junge Lehrerin auch ihren Schülern rät. Denn obwohl sie Anfragen rigoros ablehnt, komme es immer wieder mal vor, dass auf ihrer "Timeline" ein Gesicht auftaucht, das sie auch regelmäßig im Unterricht sieht. "Da bekommt man dann etwa mit, dass die Feier am Wochenende wohl doch etwas intensiver war", sagt die 30-Jährige und lacht. "Die Schüler mache ich dann schon darauf aufmerksam, dass das ja auch ihre Lehrer sehen können, obwohl die gar nicht mit ihnen befreundet sind."

Für Sechstklässler gibt es am KZG daher ein P-Seminar, das für solche Themen sensibilisieren soll. Im Deutsch-Unterricht tauchen soziale Medien zudem in den Lehrplänen der achten und neunten Klassen auf. "Allerdings im Sprachkontext", so Zeuß. "Themen wie Privatsphäre und Datenschutz packe ich in dem Zusammenhang dann aber mit rein."

In Neustadt überlassen die Lehrer eine Schulung zu diesem Thema gleich den Schülern. "Dieses Jahr haben das die Elftklässler gemacht", erklärt Müller. "Die werden von den Lehrern methodisch geschult und setzen sich dann mit Unterstufenschülern in kleinen Gruppen zusammen." Geklärt wird während dieses Projektes dann etwa, wie man sich in Gruppenchats oder auf Facebook verhalten sollte. "Es ist natürlich etwas anderes, wenn mir ein älterer Mitschüler etwas erklärt oder ein Lehrer im Frontaluntericht", ist Müller überzeugt.
Vielleicht überlegen es sich diese Schüler demnächst zweimal, ob sie ihrem Lehrer wirklich eine Freundschaftsanfrage schicken wollen.