Daniela Ilian artikuliert deutlich ihren Unmut. Wie Regisseurin Heidemarie Wellmann in der Pause mit der erfahrenen Schauspielerin umgeht - da vermisst sie doch den nötigen Respekt. Wellmann faltet die Hände, senkt demütig den Blick. Ist Unterwürfigkeit der Wiener Darstellerin lieber? Die frotzelt nur im Dialekt: "So wos mog i goar ned." Lachen bricht aus. Der Schalk sitzt den Profi-Schauspielern bei ihren ersten Proben für die Rosenberg-Festspiele im Nacken. Selbst während der Unterbrechungen.

Ein bisschen wirkt es so, als sei beim ersten Probedurchlauf der Name des Stückes Programm: "Der Widerspenstigen Zähmung". Charmant-chaotisch wirkt das Miteinander im "Schauspieler-Camp", dass seine Zelte - oder besser gesagt seinen Pavillon - weit abseits der Bühne aufgeschlagen hat. Dort, wo ab 29. Juni gespielt wird, hämmern und schrauben zurzeit noch die Bauarbeiter.
Mit reichlich Körperkraft und bei praller Sonne wuchten die Arbeiter die Tribünenteile Stück für Stück an ihre Plätze.

Ganz anders sieht die Tätigkeit auf einer rund 100 Meter entfernten Wiese aus. Der Effekt ist jedoch der gleiche. Die Schweißperlen fließen, der Sonnenbrand grüßt. Im Shakespeare-Stück herrscht ja ebenfalls ein reges Treiben.


Auf der Bühne geht es rund

Aufbrausende Stimmen, wirbelnde Arme und Schauspieler mit "tragender" Rolle - die Kollegin geschultert und mit einem Klaps versehen - gehen die einzelnen Szenen durch. Regisseurin Heidemarie Wellmann lotst ihre sechs Mitspieler, Daniela Ilian, Andreas Gräbe, Wolfgang Scheiner, Sebastian Smulders, Jürgen Malcher und Hardy Kistner, unaufdringlich, doch mit sicherer Hand durch die Geschichte. Große Korrekturen muss sie nicht vornehmen. Es läuft. Dabei sind noch gar nicht alle Mann an Bord. Neben der vorläufig geänderten Probenfläche ist das ein weiterer Grund für so manche Improvisation.

"Es würfelt sich zusammen", erklärt Heidemarie Wellmann zum noch fehlenden Personal. Sie ist aber zuversichtlich, bis zu den Premieren alle drei Stücke am Start zu haben. "Das ist ganz schön sportlich", meint Hardy Kistner, der kurzfristig bei den Festspielen eingesprungen ist. Das ist ihm jedoch gar nicht anzumerken, als er den Petruchio mimt. Mit Inbrunst betritt er die "Bühne", in der einen Hand sein Skript, in der anderen eine ausladende Geste. Nachdem er wie die Jungfrau zum Kinde zu seiner Rolle in Kronach gekommen sei, mache ihm der Text zurzeit mehr Sorgen als Gestik und Mimik, gesteht er. Das ist beim Kronacher Darsteller Jürgen Malcher genau umgekehrt. So unterschiedlich ticken Schauspieler.


Auf einer Wellenlänge

Dass es im Kreise des Ensembles leichter fällt, eine Rolle intus zu bekommen, da pflichtet Wolfgang Scheiner seinem Kollegen Kistner bei. "Ohne Bewegung ist das, wie ein Telefonbuch auswendig zu lernen", stellt er fest. Und wie aus der Pistole geschossen folgt der Anhang: "Aber manche können sogar mit einem Telefonbuch Säle füllen." Wieder bricht Gelächter aus.

In der nächsten Pause wird über Sonnenbrand und Zeckenschutz philosophiert - immer mit spitzer Zunge und einem Schuss Selbstironie. Die Truppe passt zusammen. Das ist ein ganz wichtiger Faktor, um unter Druck arbeiten zu können, wie Daniela Ilian unterstreicht. Würde das Klima nicht stimmen und der Humor fehlen, "würde man kaputtgehen, dann könnte man sich gleich eingraben".

Diese Gefahr besteht bei den Rosenberg-Festspielen nicht, wenn die ersten Eindrücke der Proben nicht täuschen. Denn eines zeigt sich dabei: Sowohl auf der Bühne als auch dahinter wirkt das Treiben charmant und peppig, herzlich und natürlich. Eben wie man es von den Faust-Festspielen kannte. So verleiht Heidemarie Wellmann der "Einrichtung" auf der Festung zwar ihre eigene Note, doch werden die Zuschauer ihr geliebtes "Zuhause" immer noch mühelos erkennen.