"Schau auf die Straße, nicht in der Gegend herum", hört der Fahrschüler, wenn er mal aus dem Autofenster blickt. Die Mahnung kommt bei der Fahrschule "Beim Gerd" in Redwitz aber nicht vom Fahrlehrer Sven Dressel, sondern von einem Computer. Das Fenster ist in diesem Fall nur ein Bildschirm. Der gehört zu einem Fahrsimulator, an dem künftige Autofahrer erstmal üben sollen.
Der Schüler sitzt in einem Sportsitz, hat vor sich ein Lenkrad und drei Bildschirme. Diese zeigen den Blick aus der Windschutzscheibe und den Seitenfenstern. Im Fußraum drei Pedale für Gas, Bremse und Kupplung, dazu rechts eine Gangschaltung. Blinker, Lichtschalter und Handbremse vervollständigen die Illusion eines Fahrer-Cockpits.


Es lohnt sich auch finanziell

25 000 Euro hat Dressel dafür investiert. Durchgerechnet hat er bereits alles: In zwei Jahren soll sich das Gerät rentieren. Denn mit den Trockenübungen spart er sich Benzin und Verschleiß am Fahrschulauto. Vier bis fünf Fahrstunden weniger bräuchten seine Schüler, wenn sie vorher die Grundlagen am Simulator gelernt haben, erklärt Dressel.
Sechs Stunden soll jeder Fahrschüler daran verbringen, bevor er sich ins echte Auto setzt. "Die Automatismen sind dann da", sagt Dressel. Die Module bauen dabei aufeinander auf. Erst lernt der Schüler sein Fahrzeug kennen mit Sitzeinstellungen oder der Kupplung. Dann kommen Anfahren und Lenkübungen, die ersten Fahrten in der Stadt mit Abbiegen und Vorfahrtsregelung.
Die Empfindlichkeit der Pedale, etwa der Kupplung, kann Dressel verändern, so dass der Schüler auch verschiedene Fahrerlebnisse hat. Dazu vibrieren Lenkrad und Sitz, wenn die Kupplung den Schleifpunkt erreicht. Der Computer hat durch eine Kamera am zentralen Monitor immer einen Blick auf den Fahrschüler. Etwa wenn dieser den Schulterblick vergisst. Dann ist die Fahrt vorbei. Genauso, wenn er eine Vorfahrt missachtet.
Wie sich der Fahrschüler dabei anstellt, sieht Dressel in einer Fehlerstatistik. "Da sehen ich und mein Schüler dann, wo es noch hapert", erklärt der Fahrlehrer.
Ganz wie im echten Leben ist das Fahren dennoch nicht. Die anderen Verkehrsteilnehmer halten sich immer an die Regeln und es geschieht wenig Unvorhersehbares. Engstellen oder Einparken sind im Simulator auch nicht vorhanden.


Die Übungen zeigen Wirkung

Doch für Dressel ist es am wichtigsten, dass seine Schüler die Grundlagen können, bevor sie zum ersten Mal ins Auto steigen. "Ich kann jetzt bei der ersten Fahrstunde gleich in der Stadt fahren und das Einparken üben", sagt er. Eingreifen müsse er dabei auch weniger: "Ich bin da ziemlich raus bei der ersten Fahrt." Auch typische Fehler, wie das Auto abwürgen, kämen weniger vor.
Seine Fahrschülerin Susanne Guse (35) findet den Simulator für Fahranfänger "optimal". Sie hat ihre sechs Stunden schon hinter sich und war bereits im richtigen Auto unterwegs. "Manche denken, das ist wie ein Spiel, aber das stimmt nicht. Man bekommt damit erstmal ein Gefühl fürs Autofahren", sagt sie. Den Unterschied zum Auto habe sie aber trotzdem bemerkt: "Auf der Straße ist es schon etwas anderes. Zum Beispiel schaut man hier nur auf einen Bildschirm." Dressel stand dem Gerät anfangs skeptisch gegenüber: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das etwas bringt." Zwei Monate konnte er den Simulator testen. Dann war er überzeugt und schaffte sich im Februar den Simulator an. Die Prüfer würden sogar schon erkennen, ob der Prüfling am Computer geübt hat, sagt Dressel. Die Handhabung und die Automatismen würden besser funktionieren. Dennoch werde er von einigen seiner Kollegen noch belächelt. So findet auch Henry Rupp von der Fahrschule Rupp in Lichtenfels so eine Anschaffung nicht notwendig - zumindest für eine Fahrschule. "Bei Lkw- oder Flugausbildung ist es sinnvoll, weil die Stunden teuer sind", sagt er. Er lerne das Fahren lieber live, "aber das muss jeder selbst wissen".
Neben Redwitz hat die Fahrschule "Beim Gerd" auch Niederlassungen in Schwürbitz, Tüschnitz und Küps. Für die Fahrstunden am Simulator kommen alle seine Schüler nach Redwitz, um darauf zu üben. Laut eigenen Angaben ist Dressel der Einzige in der Region, der einen Fahrsimulator besitzt.