"Das alles ist Corona": So erlebt eine Bewohnerin die Pandemie-Sperre im Seniorenhaus
Autor: Bastian Sünkel
Kronach, Donnerstag, 30. Juli 2020
Einsamkeit und Todesängste? Wie ist das Leben im Seniorenhaus tatsächlich? Bewohnerin Johanna Strysio findet für alles Worte und schreibt über den Alltag in Covid-19-Zeiten.
Auf dem Zimmer sitzen. Das ist Corona. Schweiß unter der Maske. Das ist Corona. Lange kein Besuch. Auch das ist Corona.
Johanna Strysio hat erst am Morgen die jüngsten Zeilen in eines ihrer Notiz- und Tagebücher geschrieben. Sie hat erfahren, dass jemand von der Zeitung kommen wird und sich Gedanken darüber gemacht, was sie sagen will. Am Ende ist es eine Geschichte aus ihrem Alltag im BRK-Seniorenhaus in Kronach. Über Wochen, in denen der Raum etwas kleiner gewirkt hat. Die Gesichter, die sie gesehen hat, fast immer dieselben gewesen sind und keiner ihrer Mitbewohner oder die Betreuer noch die Freiheiten genoss wie Anfang März - bevor das Virus auch in Seniorenwohnheime zwischen Würzburg und Marktgraitz gerade ältere Menschen dahinraffte.
"Man muss loslassen können", sagt die 86-Jährige, die erst in die Tagespflege, dann zu ihrem Mann auf die Station gezogen ist. Ihr Mann ist älter als sie und bedarf ihrer Pflege. Doch auch sie hat Probleme: Vor 30 Jahren hat sie bei einem Unfall ein Bein verloren und fährt im elektrischen Rollstuhl vom Gang in den großen Essenssaal, der zur Zeit nicht genutzt wird. Auch das ist Corona. Wohnbereichsleiterin Kerstin Kreuzer und Einrichtungsleiterin Tanja Seuling öffnen den Bereich, in dem alle weit genug auseinander sitzen können.
Sonderbare Zeiten verschriftlicht
Johanna Strysio hat vier Bücher vor sich liegen. Doch die Einleitung erzählt sie frei. Eigentlich stammt sie aus Pressig und ist 1977 nach Kronach gezogen. Sie hat Schneiderin gelernt und in der Volkshochschule gearbeitet. Sie hat zwar keine eigenen Kinder, dafür aber 15 Patenkinder von denen noch zwölf leben und auch regelmäßig Kontakt mit ihr suchen. "Die kommen eins nach dem anderen." Wenn's denn möglich ist. Die Auflagen haben sie und ihren 91-jährigen Mann eingeschränkt, sodass auch zwischen Mitte März und Anfang Juni kein Besuch mehr möglich war. Selbst außen im Park des Wohnhauses, von dem die Seniorin schwärmt, konnte sie nicht mehr allein herumlaufen. "Corona hat Vieles versaut - nur unseren Park nicht", sagt sie. Es gab Zeiten, da hat sie an ihrem Optimismus gezweifelt.
Die Einrichtungsleiterin erzählt: Als die Auflagen Anfang Juni zum ersten Mal gelockert wurden, durften Verwandte ersten Grades, Lebenspartner oder Eheleute und eine, genau eine Bezugsperson die Senioren für eine halbe Stunde unter scharfen Hygieneregeln und Datenerfassung besuchen. Eines Morgens hat Johanna Strysio nachgefragt, ob sie die Bezugsperson ändern dürfe. "Das war nach den damaligen Regeln leider nicht erlaubt", erklärt die Leiterin Seuling. Das sei der Moment gewesen, in dem sie zum ersten Mal seit knapp drei Jahren im Seniorenhaus geweint habe, sagt die Rentnerin. "Wer keine eigenen Kinder hat, wird zusätzlich bestraft."