Es ist ein Fall, der nicht nur die Menschen in Oberfranken entsetzt hat. Polizisten entdeckten im November vergangenen Jahre die sterblichen Überreste von acht Babys im Abstellraum eines Hauses in Wallenfels (Landkreis Kronach).

Die 45-jährige Mutter gestand danach, in den vergangenen Jahren einige Säuglinge lebend geboren und umgebracht zu haben. Sie war kurz nach dem grausamen Fund in einer Pension in Kronach verhaftet worden, nur etwa 15 Kilometer vom Fundort der acht Säuglingsleichen entfernt.

Am Dienstag beginnt am Coburger Landgericht der Prozess gegen die Frau wegen vierfachen Mordes vor dem Landgericht Coburg. Und auch ihr Ehemann muss sich dort wegen Beihilfe zum Mord verantworten.

Das beschauliche Städtchen im Frankenwald stand nach Aufdeckung der Tat unter Schock.
Eine Anwohnerin in Wallenfels hatte den Notruf gewählt, nachdem sie in der Wohnung die sterblichen Überreste eines Säuglings gefunden hatte. Daraufhin entdeckte die Polizei dort sieben weitere Babyleichen.


Das sagt die Psychologin

Die Kriminalpsychologin Monika Frommel vermutete schon früh einen Fall verleugneter Schwangerschaften. Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht wahrhaben wollten, gebe es in allen Schichten der Gesellschaft, sagt die ehemalige Direktorin des Instituts für Sanktionenrecht und Kriminologie an der Universität Kiel.

Genau um diese Fragen wird sich auch die Verhandlung ab Dienstag drehen. Im Mittelpunkt wird das psychiatrische Gutachten stehen, das sich mit der Schuldfähigkeit der Angeklagten befasst.

Till Wagler, Pflichtverteidiger der 45-jährigen Mutter aus Kronach, stimmt dem bei: "Ich habe das Gutachten gelesen und natürlich drängen sich mir Fragen dazu auf, die mir hoffentlich im Laufe des Prozesses beantwortet werden können." Seine Mandantin hatte zunächst kurz nach der Entdeckung der Babyleichen ein Geständnis vor der Polizei abgelegt - ohne einen Verteidiger an ihrer Seite. Seitdem schweigt aber die Frau.

Laut Anklage wird ihr vorgeworfen, die Säuglinge nach den Geburten im eigenen Haus mit Handtüchern erstickt zu haben. Möglicher Grund laut Ermittlungen war, dass das Ehepaar keine weiteren Kinder wollte. In zehn Jahren war die Angeklagte acht Mal schwanger - beim letzten Kind habe es sich um eine Totgeburt gehandelt.

Lange Zeit war es unklar, ob auch der Ehemann der Mutter vor Gericht steht. In der Anklage heißt es nun, dass der Angeschuldigte Kenntnis von den Schwangerschaften erlangt und auch damit gerechnet habe, dass seine Gattin die Neugeborenen umbringe. Zudem soll der Mann auch nicht die Behörden oder Ärzte verständigt haben.

Selbst für den erfahrenen Anwalt Wagler ist dieser Fall alles andere als Alltag, wie er gesteht: "Die Tragik ist außergewöhnlich." Bei den Taten seiner Mandantin handle es sich um Neonatizide - die Tötung neugeborener Kinder. Auslöser für eine krankhafte Verheimlichung der Schwangerschaft und die spätere Tötung eines Säuglings kann das Umfeld der Mutter sein, wenn es eine Elternschaft ablehnt oder mit negativen Konsequenzen belegen würde. Allerdings existieren bisher nur wenige Untersuchungen zu Neonatiziden.

Nach bisherigen Untersuchungen gibt es keine Einzelursache für die Tötung eines Neugeborenen durch die Mutter. Erst das Zusammentreffen mehrerer Faktoren führe in manchen Fällen zur Tat, vermuten Experten. Es gibt bis heute wohl keinen Nachweis, dass bei Müttern, die Säuglinge töten, häufiger eine Persönlichkeitsstörung vorliegt als bei anderen Müttern.

Insgesamt sind fünf Verhandlungstage für den Prozess angesetzt. Am 20. Juli soll schließlich das Urteil verkündet werden. Für Till Wagler bedeutet das Verfahren einen enormen Aufwand. Rund 250 Arbeitsstunden hat er in den Fall bislang investiert: "Jede Woche habe ich meine Mandantin in der U-Haft in Bamberg besucht und viele Gespräche geführt." Wagler ist überzeugt, dass die Mutter alles andere als eine berechnende Mörderin sei, sondern sie vielmehr keinen anderen Ausweg gesehen habe.


"Der Ort braucht Ruhe"

Und in Wallenfels? Dort wird mit großem Interesse die Gerichtsverhandlung verfolgt werden. Auch wenn die Menschen dort nur ungern über die Babymorde sprechen. "Es schmerzt uns, und was uns schmerzt, da spricht man nicht so einfach drüber wie übers Wetter", meint Pfarrer Jan Poja. "Der Ort braucht Ruhe", fügt er an. Obwohl der Geistliche ahnt: "Diese Geschichte wird noch in 100 Jahren erzählt werden." mit dpa