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Aufstieg und Verfolgung beleuchtet


Autor: Heike Schülein

Kronach, Montag, 05. Juni 2017

Am Wochenende wurde die sehenswerte Ausstellung "Die Süßheims. Jüdische Bürger, Politiker, Wissenschaftler in Bayern" in der Kronacher Synagoge eröffnet.
Die Vernissage der Ausstellung "Die Süßheims" war gut besucht. Foto: Heike Schülein


Er war 1861 Gründungsmitglied des Kronacher Turnvereins sowie ein Jahr später der Freiwilligen Feuerwehr Kronach und blieb seiner Geburtsstadt Kronach, trotz seines Umzugs 1870 nach Nürnberg, ein Leben lang verbunden: Der Kronacher Sigmund Süßheim (1836 bis 1910) und seine Ehefrau Clara (1854 bis 1933), geborene Morgenstern, errichteten verschiedene Wohltätigkeitsstiftungen für die Stadt wie auch die Feuerwehr Kronach.
Für zwei Monate ist in der Kronacher Synagoge die Ausstellung über die Kaufmannsfamilie zu sehen. Die Ausstellung skizziert die bewegte und bewegende Geschichte der Familie, von deren sozialen Aufstieg als erfolgreiche Hopfenhändler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und als Akademiker während der Weimarer Republik über die Verfolgung und Emigration in der NS-Zeit bis zum Neuanfang in England, der Türkei und den USA.
Die Gäste der gut besuchten Vernissage wurden von der 2. Vorsitzenden des Aktionskreises Kronacher Synagoge, Gisela Zaich, willkommen geheißen. Wie sie ausführte, sei man durch Zufall auf die Ausstellung im Stadtarchiv Nürnberg gestoßen. Diese war - anlässlich des 70. Jahrestags der sogenannten Reichskristallnacht - der Geschichte der Familie Süßmann zwischen 1870 und 1938 in Nürnberg gewidmet. Nachdem man die Kronacher Wurzeln entdeckt habe, habe sich Christian Porzelt, der an diesem Tage leider nicht anwesend sein konnte, an die Ausarbeitung gemacht. An seiner Stelle gab die Aktionskreis-Vorsitzende Odette Eisenträger-Sarter einen Einblick in deren wechselvolle Geschichte.
Die Wurzeln in Kronach lassen sich bis um 1700 zurückverfolgen. Seit 1711 besaßen die Süßheim-Vorfahren in der heutigen Amtsgerichtsstraße ein Wohn- und Geschäftshaus und betrieben über Generationen hinweg eine erfolgreiche Textilhandlung. "Der letzte in Kronach ansässige Vertreter war Sigmund Süßheim. Er verließ Ende 1870 seine Heimatstadt und ließ sich in der aufstrebenden fränkischen Industriemetropole in Nürnberg, zunächst im Anwesen Rathausplatz 7 nieder", informierte die Vorsitzende. Innerhalb weniger Jahre baute er ein erfolgreiches Hopfenhandelsunternehmen auf, das ihm und seinen Angehörigen ein Leben in Wohlstand ermöglichte. Zugleich erlaubte es den beiden gemeinsamen Söhnen, Max und Karl, eine akademische Berufswahl. Am 10. November 1938 nahm sich Hedwig Süßheim, Witwe des 1933 verstorbenen Rechtsanwalts und SPD-Politikers Max Süßheim, unter dem Eindruck der Ereignisse der Reichskristallnacht das Leben. Mit ihrem Tod erlosch in Nürnberg der Name der Familie.
An deren Beispiel kann, so Eisenträger-Sarter, einerseits die Integration des jüdischen Bürgertums während des Kaiserreiches, andererseits die Entrechtung und Ausgrenzung im Dritten Reich plastisch nachvollzogen werden. Insbesondere die Lebenswege des Juristen Dr. Dr. Max Süßheim (1876 - 1933), seit 1907 für die SPD im Bayerischen Landtag und seit 1911 Mitglied des Nürnberger Stadtrates, sowie seines jüngeren Bruders Prof. Dr. Karl Süßheim (1878 - 1947), seit 1919 außerordentlicher Professor für Orientalistik in München, verdeutlichen die Auswirkungen, die der weit verbreitete, latente Antisemitismus schon vor 1933 auf die Biografien jüdischer Deutscher hatte.
Die Familie sammelte Kunst und machte Stiftungen zum Wohle der Öffentlichkeit - nicht zuletzt, um dadurch Anerkennung als vollwertige und loyale Mitglieder der Gesellschaft zu erlangen. Spezifisch für die Süßheims war ihre aktive Rolle in der Landes- und Kommunalpolitik, verkörpert durch Max Süßheim und seinen Großvater mütterlicherseits, David Morgenstern. Auch der Bruder von Max Süßheim, Prof. Dr. Karl Süßheim, kämpfte mit großem persönlichem Einsatz für die Demokratisierung Bayerns.
Die sehr sehenswerte Ausstellung präsentiert neue Forschungsergebnisse zu einzelnen Familienmitgliedern und zur Kunstsammlung Max Süßheims, die nach dem Freitod seiner Witwe am 10.11.1938 zwangsversteigert wurde. Große Infotafeln mit Texten sowie Bildern zu Familienereignissen lassen die Geschichte lebendig werden. Sie geben den Familienmitgliedern ein Gesicht und zeigen die Menschen hinter den nicht greifbaren Zahlen.
Der Vorsitzende der Freiwilligen Feuerwehr Kronach, Stefan Wicklein, würdigte die Bedeutung des Ehepaares Sigmund und Clara Süßheim als große Förderer und Wohltäter der Wehr. 1912 spendete Clara der Wehr anlässlich des 50. Jubiläums 1000 Mark als Stiftung. "Die Zinsen des Betrags sollten jeweils an ihrem sowie am Geburtstag ihres verstorbenen Mannes an bedürftige Feuerwehrler ausbezahlt wenden", informierte er. Auch in den Kriegsweihnachten 1915 und 1916 stellte die Witwe jeweils 250 Mark für bedürftige Mitglieder der Wehr zur Verfügung, mit dem insgesamt 43 Kameraden bedacht wurden. Auch 1929 beim großen Brand in Teuschnitz ließ Clara Süßmann 100 Mark an die Feuerwehr-Führung überweisen. "Aufgrund ihrer Verdienste wurde 1913 Clara Süßmann zum ersten und bislang einzigen weiblichen Ehrenmitglied unserer Wehr ernannt", informierte Wicklein, der dem Aktionkreis auch entsprechende historische Dokumente in Fotokopie überließ. Die FFW-Chronik, in der auch die Verdienste des Ehepaars nachgelesen werden kann, liegt bei der Ausstellung aus. Neben der Stiftung für die Kronacher Feuerwehr errichtete das Ehepaar auch 1907 eine Wohltätigkeitsstiftung für Kronach über 10.000 Mark. Beeindruckt von der Ausstellung zeigten sich auch SPD-Fraktionsvorsitzender Ralf Völkl und Kreisvorsitzender Ralf Pohl. Ihr Dank galt dem Aktionskreis, sich dieser angenommen zu haben. Man werde sich innerhalb der Fraktion mit der Person und dem Wirken der Familie beziehungsweise insbesondere Max Süßheim als - bis 1920 letzten - jüdischen SPD-Landtagsabgeordneten Bayerns auseinandersetzen.
Die Ausstellung kann bis zum 31. Juli jeden Samstag von 10 Uhr bis 13 Uhr sowie nach Vereinbarung (Telefon-Nr. 09261/950359) besucht werden. Gerade auch Schulklassen - eine Klasse des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums hat sich bereits angemeldet - sind willkommen. Öffentliche Führungen durch Christian Porzelt finden am 24. Juni und 15. Juli jeweils um 11 Uhr statt. Zur Ausstellung gibt es ein beeindruckendes Rahmenprogramm - so bereits am kommenden Samstag das Konzert "Two Doves - Songs of Resistance, Hope & Love" um 19.30 Uhr in der Kronacher Synagoge. Weitere Infos und Termine finden sich unter www.synagoge-kronach.de.